Weihe des Adam-Ries-Denkmals in Annaberg am 5. November 1893. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Weihe des Adam-Ries-Denkmals in Annaberg am 5. November 1893.

1934 > 1934-15
Am 30. März 1934 hat die ganze deutsche Presse des 375. Todestages des großen Rechenmeisters Adam Ries gedacht, dessen Gedächtnis der Geschichtsverein von Annaberg und Umgebung vor 40 Jahren ein Denkmal errichtete. Das T. A. W. berichtet darüber in seiner Montagsausgabe Nummer 259/1893 u. a. wie folgt:
Weihe des Adam-Ries-Denkmals, Annaberg 1893
Bürgermeister Wilisch übernimmt das Denkmal in den Schutz der Stadt.
(Photo: A. Meiche, Annaberg.)

Von den Persönlichkeiten, die als Ehrengäste an der Denkmalsweihe teilnahmen und in unserem Bild zu sehen sind, konnten nicht alle mit Bestimmtheit wiedererkannt werden, trotzdem mehrere alte Annaberger um ihren Rat gebeten wurden.
Von links nach rechts: Stadtrat Ernst Fischer — Handelsschuldirektor Kind — Stadtrat Fr. Bamberg (?) — Darüber auf dem Podium Bürgermeister Wilisch — Unbekannt — Rechnungssekretär Th. Müller (links der Fahnenstange) — Stadtrat Richter (?) — Stadtrat H. Köselitz — Der Schöpfer des Denkmals: Prof Henze-Dresden (?) — Oberlehrer E. Finck, der Festredner — Bankier Heinrich Lipfert — Stadtrat E. A. Facius — Im Hintergrunde (nach der Stadtmauer zu) Seminaristen unter Leitung von Oberlehrer Thalemann.
"Entgegen den Befürchtungen, die man in vergangener Woche von der Witterung hegen mußte, war das Wetter gestern in Anbetracht der weit vorgeschrittenen Jahreszeit ein verhältnismäßig günstiges, sodaß die Feierlichkeit in der festgesetzten Weise verlief.

Um 11 Uhr vormittags versammelten sich die Teilnehmer am Rathause, von wo aus der Festzug sich in Bewegung setzte. Unter Vorantritt des Städtischen Musikkorps folgten Abordnungen unserer Schulen, dann der Sängerchor des Seminars und hierauf die Spitzen der hiesigen Kaiserlichen und Königlichen Behörden, die Mitglieder der städtischen Kollegien und des Vereins für Geschichte von Annaberg und Umgebung, sowie sonstige zu der Feier Geladene. Der Schöpfer des Denkmals, Herr Prof. Henze aus Dresden, war gleichfalls bei der Feier anwesend.

Nachdem der Festzug um das Denkmal Aufstellung genommen und der Seminarchor unter Leitung des Herrn Oberlehrers Thalemann die Feier mit einem Gesange eingeleitet hatte, betrat Herr Lehrer Finck die Tribüne, um den Einweihungsakt zu vollziehen.

In den einleitenden Worten hob der Herr Lehrer hervor, daß sowohl das Denkmal Martin Luthers wie der Barbara Uttmann im November geweiht seien und daß nunmehr auch dieses Denkmal, das einem der berühmtesten Bürger unserer Stadt zum dauernden Ehrengedächtnis errichtet sei, im November enthüllt werden solle. Der Herr Redner fuhr dann fort: Es ist nicht bloß ein zufälliges Zusammentreffen zum Anlaß dafür geworden, den Namen des Rechenmeisters Ries mit denen eines Luther, einer Uttmann zusammen zu nennen. Derselben Zeit wie sie angehörend, stand er zu beiden in mehrfacher Beziehung. Unter den ersten glaubensmutigen Bekennern der Lutherschen neuen Lehre in Annaberg wird Adam Ries genannt, und zwar schon zu einer Zeit, in der es für jeden Bürger hiesiger Stadt nachteilig und gefährlich war, die evangelische Gesinnung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Mit de4r Uttmann'schen Familie war die seinige aufs freundschaftlichste verbunden. Er ist der vielgenannten Frau Gevatter und jederzeit ein treubewährter Freund gewesen bis an sein Ende: In der Jugend ihr Lehrer und später, als die Last vielseitiger, weitverzweigter, großartiger Geschäfte ihr oblag, ihr kundiger Berater. — Die Stadt Staffelstein in Franken ist stolz darauf, als Geburtsort des Mannes, den wir verehren, vielfach genannt zu werden. Auch in Erfurt hat Adam Ries als junger Mann mehrere Jahre hindurch geweilt und in seinem Berufe schaffensfreudig gewirkt. Den größten und wertvollsten Teil seines Lebens aber hat er in den Mauern unserer Stadt verlebt. Von hier aus ist sein Ruf und Ruhm ausgegangen und eng ist sein Name mit dem Annabergs verknüpft. Darum hat Annaberg in dankbarer Würdigung seines Andenkens schon vor Jahren eine Straße nach ihm benannt und darum sind wir hier versammelt, ein Denkmal zu enthüllen, das sein Bildnis trägt und sein Gedächtnis verewigen soll.
Adam Ries' Bildnis aus einem seiner Werke.
Seine berufliche Tätigkeit am hiesigen Ort ist eine mehrfältige gewesen. Er hat den erlauchten Landesfürsten seiner Zeit als treuer und verdienstvoller Beamter gedient, als Receß- und gegenschreiber mehr als drei Jahrzehnte hindurch dem hiesigen Bergbau mit vorgestanden und an der bestimmten Regelung des sächsischen Münzwesens hervorragend mitgewirkt. Daneben hat er auch sein Wissen und Können in den Dienst der Allgemeinheit gestellt, als praktischer Rechenmeister das Aufblühen und Gedeihen des hiesigen Handels und Gewerbes vielfach gefördert und als Schulmeister diejenige Bildung des Geistes verbreitet, die vor allem eine Grundlage jedweder geschäftlichen Tätigkeit bilden. Er unterwies lernbegierige Schüler in der damals noch wenig bekannten Kunst des bürgerlichen Rechnens, und seine Schule, die wir als eine Gewerbe- oder Handelsschule uns vorzustellen haben, erfreute sich eines außerordentlich weitgehenden Rufes, welcher selbstverständlich auch dem Ansehen unserer Stadt zugute kam."

Aus dem weiteren Inhalt der Weiherede geben wir folgenden Auszug:

Der Festredner wies darauf hin, daß Adam Ries durch seine Schriften zum Rechenlehrer des ganzen deutschen Volkes geworden ist. In Schule und Haus, Handel und Wandel sind die Wirkungen seines Mühens als Segen empfunden worden. In Wort und Schrift haben viele dazu beigetragen, seine Verdienste klar zu legen. Da durfte denn auch Annaberg nicht zurückstehen, den großen Rechenmethodiker des 16. Jahrhunderts in seinem vormaligen Bürger zu ehren. In diesem Sinne habe der Geschichtsverein, als im Vorjahre (1892) der 400. Geburtstag des denkwürdigen Mannes gefeiert wurde, beschlossen, ihm ein Denkmal aus Stein und Erz an der Stätte seines Schaffens aufzurichten. Diese Ehrenpflicht habe schneller erfüllt werden können als man hoffen konnte, da man den Verein von vielen Seiten mit freiwilligen Beiträgen unterstützt habe. Nachdem Lehrer Finck allen freundlichen Gebern gedankt und besonderen Dank dem anwesenden Schöpfer des Denkmals, Prof. Henze, ausgesprochen hatte, fiel die Hülle und der Redner erläuterte:

"Das Postament trägt außer dem Namen Adam Ries als Aufschrift nur die Jahreszahlen 1492 und 1559, welche die Dauer seines irdischen Daseins begrenzen. Eines weiteren Zusatzes bedarf es bei der Volkstümlichkeit dieses Namens nicht.

Das freundliche und biedere, dabei aber markige und kluge Gesicht mit dem langwallenden Barte, das schlichte Wams, das die breite Brust umschließt, die Bergmannskappe, die das Haupt bedeckt, entsprechen vollkommen dem Bilde, das Ries selbst einem seiner Reche4nbücher beigegeben hat und das ihn im 58. Lebensjahre darstellt.

An den großen Rechenmeister, der er war, werden wir durch die Abbildung des Petschaftes erinnert, das der Künstler sinnig am Fuße der Büste angebracht hat, enthält es als Kennzeichen doch die Multiplikationsprobe, wie Ries sie lehrte, und die das Volk in der Weise deutet, daß es hieß: 2 x 2 macht 4 nach Adam Ries."

Nach einem Hoch auf die Stadt Annaberg ergriff Bürgermeister Wilisch das Wort und übernahm mit Dankesworten an den Geschichtsverein das Denkmal in den Schutz der Stadt. Oberlehrer Dr. Wolf legte im Namen der Stadt Staffelstein einen Lorbeerkranz am Denkmal nieder. Weitere Kränze wurden vom Realgymnasium, Seminar und der Bürgerschule niedergelegt. Mit dem gemeinsamen Gesange des Chorals "Lobe den Herren den mächtigen König der Ehren" war die Feier beendet. Mittags 1 Uhr fand in Bahls Restaurant ein einfaches Mittagsmahl statt, das durch zahlreiche Trinksprüche belebt wurde. Oberlehrer Dr. Wolf verkündete dabei Prof. Henze, daß der Verein für Geschichte für Annaberg und Umgegend ihn zu seinem Ehrenmitglied ernannt habe.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 15 v. 8. April 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 15, 8. April 1934, S. 1

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