Von der Bauweise unsrer Altvordern - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Von der Bauweise unsrer Altvordern

1934 > 1934-34
Das alte Zechenhaus auf Neudeck in  Frohnau.

Ein recht beliebter und auch lohnender Spaziergang führt über Markus-Röhling oxder die Sehmatalstraße entlang über die frühere Silberwäsche in den Sauwald. Kurz vor Neudeck, einigen entlegenen Gütern Frohnaus, dort wo sich das Sehmatal an seinem Ausgang zum grünen Wiesengrund weitet, gewahrt man links am Wege ein dem Verfall geweihtes Häuschen, das alte Zechenhaus. Gleichsam sich seines zerschlissenen, wetterfarbigen Aeußeren schämend, duckt es sich bescheiden im Schatten dichten Laubwerks an den Berghang — und träumt vom Silbersegen vergangener Jahrhunderte. Sein bemoostes Strohdach ist nur noch zur Hälfte vorhanden. Seit etwa 50 Jahren ist es unbewohnt und dient dem Waglergut als Schauer.
Zechenhaus auf Neudeck in Frohnau
Das alte Zechenhaus auf Neudeck in Frohnau.
(Photo: K. Bärthel-Buchholz.)
In der heutigen Frohnauer Kinderwelt erweckt es als "Rupprichheisel" geheimnisvolle Vorstellungen. Dem aufmerksamen Betrachter aber vermag es deutlich durch schadhafte Stellen am Giebel vom Aufbau des alten fränkischen Fachwerkes zu erzählen, das einst den Erzgebirgsdörfern ihr charakteristisches Aussehen verlieh, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt aber immer mehr durch die neuzeitliche Bauweise verdrängt worden ist.

Auf den Umfassungsmauern, die von unbehauenen Bruchsteinen hergestellt, nur mit Lehmmörtel verbunden, durch ihre besondere Stärke die Festigkeit der heutigen schwächeren, aber durch verbesserte Bindemittel festeren Mauern erreichen mußte, wurde das Balkengerippe des Fachwerks, wo nötig durch schräge Streben versteift, aufgesetzt. Die leeren Felder des Gerippes wurden nun mit der Lehmfüllung versehen. Die Balken waren an den Innenseiten mit Rillen (Nuten) versehen, in welche dicht nebeneinander 3–8 cm breite zugespitzte Holzprügel (Staken oder Weller) gezwängt wurden, die vorher in eine Lehmsuppe getaucht und mit Stroh umflochten wurden. Außen und innen folgte auf diesen Staken"zaun" ein dicker Lehmauftrag mit gehacktem Stroh gemischt. Als Halt für den abschließenden Kalkputz erhielt die Lehmwand kleine Vertiefungen.

Die Anbringung der Staken kann man bei unserem alten Zechenhaus, dessen Abbildung wir beifügen, sehr bequem betrachten. Man sieht auch diesen Staken an, daß es zu dero Zeit noch keine Maschinenarbeit gab.

Die Lehmfüllung des Fachwerks ließ man üblicherweise von besonderen Fachleuten herrichten, die sich Lehmer oder Wellerer, auch Klaiber, nannten und ihr Gewerbe von Ort zu Ort ziehend ausübten. Sie wurden nach Stück entlohnt zu einer Zeit, in der man noch keine Akkordarbeit kannte und bildeten somit die ältesten Akkordarbeiter im Bauberufe.

Den Giebel bedeckte meist vom First mehr oder weniger weit herab eine Bretterverschalung zum Schutze gegen Schlagregen, dem die im übrigen bewährte Lehmwand doch nicht genügend Widerstand bot, zumal wenn, wie offenbar an unserem Beispiel, die einfachere Lehmfüllung angewandt worden war, d. h. die Staken (auch Wälger oder Welcher genannt) gar nicht erst mit Stroh umflochten wurden.

So lehrt denen, die offenen Auges durch die Heimat wandern, ein fast verfallenes Haus Kulturgeschichte. Wenn uns unser Weg wieder einmal am alten Zechenhaus auf Neudeck vorüberführt, wird es uns vertrauter sein. Wir verstehen jetzt seine stumme Sprache.

K. B.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 34 v. 19. August 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 34, 19. August 1934, S. 1

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