Unterm Schindeldach im Erzgebirge. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Unterm Schindeldach im Erzgebirge.

Wer kennt sie nicht die netten, erzgebirgischen Häuschen, die, wie aus der Spielzeugschachtel hingestellt, mit ihrem Schindeldach so prächtig in die Landschaft hineinpassen und dem Erzgebirgsdorf das besondere Gepräge geben! Etwas Anheimelndes geht von ihnen aus. Immer von neuem erfreut ihr Anblick den Heimatwanderer und Erzgebirgsfreund.

Leider ist aber auch in unserm erzgebirge schon vielfach das Schindeldach im Schwinden begriffen, und durch das "noble", aber nicht bodenständige Schieferdach ersetzt worden. Das ist bedauerlich, damit schwindet viel von dem Reizvollen, Eigenartigen, typisch Erzgebirgischen; denn wie zu Meißen und zu Rothenburg das Häusermeer mit den roten Ziegeldächern gehören, so gehören zum Erzgebirgsdorf die kleinen Häuser mit den schindeldächern.

Früher sah man vor manchem erzgebirgischen Häuschen ganze Stöße von Schindeln stehen, und mancher Häusler stellte seinen Schindelbedarf selbst her. In anderen Dörfern gab es einen Tischler, der sich hauptsächlich mit "Schindelmachen" beschäftigte und daher Schindelmacher oder "Schindler" genannt wurde. Wahrscheinlich ist aus diesem Handwerk heraus überhaupt der Familienname "Schindler" entstanden. Heute werden die Schindeln in den Brettmühlen hergestellt, von denen es im Erzgebirge nur noch wenige gibt, immerhin sind im westlichen und östlichen Erzgebirge noch einige erhalten, in denen tagaus, tagein Schindeln hergestellt werden.

Man mag kommen zu welcher Zeit man will, immer findet man Unmengen von Holz um die Brettsäge herum. Entweder liegen ganze Baumstämme da oder Berge von Rollenholz, das zu schindeln verarbeitet werden soll. Ueber dem Wege sind die fertigen Schindeln reihenweise aufgetürmt, daß durch die Stöße die Luft hindurchstreichen kann und Wind und Sonne die Schindeln gehörig austrocknen können, ehe sie als Wetterpanzer für Dach und Giebel zusammengefügt werden. Die Dicke der Schindeln ist immer gleich, sie beträgt 2 cm. Die Länge ist meist 50 und die Breite 8 - 9 cm, doch kommen auch andere Maße vor.

Jede Schindel ist an der einen Längsseite dachförmig zugespitzt und besitzt an der anderen Seite eine rinnenförmige Vertiefung, die "Nute", so daß in das Dach der einen Schindel die Nut der danebenliegenden hineinpaßt und ein lückenloses Gefüge entsteht. Als Holz wird das gegebene Holz des erzgebirgischen Waldes verwendet, die Fichte. der Preis beträgt gegenwärtig im Gebirge á Schock 3,80 Mk., damit kann eine Fläche von 2 qm bedeckt werden. Eine solche Dachbedeckung ist bei Kälte wärmer, da die Kälte besser abgehalten wird, und bei Hitze geht wiederum die Wärme nicht so leicht durch.

Sollen die Schindeln die Dachbedeckung bilden, so werden sie einfach senkrecht der Längelang nebeneinander gelegt, Zuspitzung in Nute und Nute in Zuspitzung, ein lückenloses Gefüge. Mehr Abwechslung verwendet man beim Verschindeln der Giebel, hier gibt es eine wirkliche Volkskunst, so verschiedenartig, reichhaltig, künstlerisch ist die Verschindelung. Die Anordnung der Schindeln geschieht: in senkrechter Richtung, in Fischgrätenmuster, in einer Verbindung von beiden. Der Form nach sind die Schindeln entweder eckig oder alle abgerundet, oder auf eine Reihe eckiger folgt eine Reihe abgerundeter. Besonders schön sieht es aus, wenn die abgerundeten nur als Kante, als Abschluß zwischen Giebel und Unterbau auftreten. Der Phantasie und dem künstlerischen Sinn ist hier voller Spielraum gelassen, und manche Gebirgsdörfer des Erzgebirges sind wahre Fundgruben dieser Art Volkskunst. Besonders schöne Giebelverschindelungen sind in den Kammdörfern des westlichen und östlichen Erzgebirges zu treffen.

Schindelgiebel und Schindeldach, in euch ist die bodenständige Kunst des Erzgebirgsdorfes erhalten. Etwas Warmes, Anheimelndes geht von euch aus. Möchte eure Zahl nicht abnehmen, sondern sich vermehren. Ihr könnt von euch sagen: "Noch lange Jahre kann ich stehen, bin fest genug gegründet, und ob sich mit der Stürme Wehn ein Wolkenbruch verbündet." Und wer sich an euch vergreift, dem sei gesagt: "Still, lieber Meister, geh von hier, gern zahle ich den Taglohn dir, allein das Dach bleibt stehen."

G. Herrmann, Dresden, Pohlandstr. 28 p.

Eine alte mit Schindeln gedeckte Brettmühle im Erzgebirge.
Eine alte mit Schindeln gedeckte Brettmühle im Erzgebirge.
Schindeln zum Trocknen aufgeschichtet.
Schindeln zum Trocknen aufgeschichtet.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 13, 26. März 1933, S. 1

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