Von den Postverbindungen der Stadt Annaberg um 1840. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Von den Postverbindungen der Stadt Annaberg um 1840.

Von Dipl. oec. Adalbert Zehrer.

Wie sich der Verkehr der Postkutsche einst abspielte.

Am 7. Dezember 1840 war in Sachsen eine neue "Post-Tax-Ordnung" mit Wirksamkeit ab 1. Januar 1841 erlassen worden, die dem Uebergang zu einem neuen Landesmünzfuße mit veränderer Münzeinteilung sowie der von da ab anders bemessenen Postmeile Rechnung trug. Dieser Anlaß gibt uns am besten Gelegenheit, die Postverhältnisse jener Zeit, insbesondere auch soweit sie Annaberg betrafen, genauer kennenzulernen.

Annaberg hatte damals nach drei Seiten hin Fahrpostverbindung, nämlich über Schwarzenberg und Schneeberg nach Zwickau, über Thum nach Chemnitz und Leipzig und endlich über Wolkenstein nach Marienberg, wo Anschluß einerseits nach Dresden und andererseits nach Prag war. Auf allen diesen Postlinien verkehrten nicht nur gewöhnliche Fahrposten und Diligencen, sondern auch Eilposten, die vorwiegend dem Durchgangsverkehr dienten. Daneben gab es von Annaberg aus noch einige Botenposten, die ausschließlich Postsachen beförderten; so nach Chemnitz (2 4/5 Meilen), nach Dresden (14 Meilen) und nach Karlsbad (7 Meilen) über Oberwiesenthal nach Joachimsthal. Der Klang des Posthorns hallte somit in jener Zeit in Annaberg oft wieder. Am Postamt in Annaberg, dem auch eine Posthalterei angeschlossen war, fungierte damals Postmeister Carl Friedrich Reiche-Eisenstuck; sein Aufgabenbereich war freilich für unsere Begriffe heute noch recht klein, ging er doch über den Umfang einer Briefsammelstelle, abgesehen von der Abfertigung der Posten, kaum hinaus. Wichtig war, daß jederzeit die nötigen Postpferde (einschließlich einiger Reservepferde) zur Verfügung standen, damit der Postbetrieb, wenn besonders hohe Anforderungen gestellt wurden, keine Unterbrechungen erlitt. Die Zahl der Vorschriften, nach denen sich der Postmeister zu richten hatte, war nicht gering, trotzdem gab es manchen Anlaß zu Klagen. Eine Reise mit der Postkutsche erforderte viel Zeit und Geduld, aber auch verhältnismäßig viel Geld. Wer an einem bestimmten Tage abreisen wollte, mußte sich beizeiten einen Platz sichern, denn das Fassungsvermögen der Postkutsche war gering, konnte sie doch im allgemeinen kaum mehr als sechs Personen aufnehmen. Der Reisende hatte sich beim Postmeister anzumelden; von diesem empfing er nach Eintragung seiner Personalien einen Reiseschein, auf dem die Stunde der Abfahrt und der Betrag des erlegten Fahrgeldes angegeben waren. Der Reiseschein galt nur für den Tag, auf den er lautete, und nur für die Person, auf deren Namen er ausgestellt war; der Reisende hatte ihn aufzubewahren und (wie unsere heutigen Fahrkarten) auf Verlangen vorzuzeigen. Bei Entfernungen von mehr als fünf Meilen mußte noch eine Einschreibgebühr entrichtet werden. Bemerkenswert ist, daß Kinder unter 3 Jahren überhaupt nicht befördert wurden, solche zwischen 3 und 10 Jahren dagegen zum halben Fahrpreis. Das Mitnehmen von Hunden in den Postwagen war übrigens nicht erlaubt.

Der Postreisende sollte bestimmungsgemäß wenigstens ¼ Stunde vor der Abfahrtszeit beim Posthause eintreffen; kam er etwa zu spät, gab er die Reise auf oder verschob er sie, so wurde ihm das Fahrgeld keinesfalls zurückgegeben. Bei der Ankunft der Post wies ihm der Postmeister einen Platz an; einen anderen als diesen durfte er eigenmächtig nicht einnehmen. Den Postillionen war es streng untersagt, vor Privat- und Gasthäusern oder außerhalb der Stadt zur Aufnahme von Personen ohne Wissen des Postamts anzuhalten — und doch kam dies immer wieder vor, da die Postillione für gute Trinkgelder sehr empfänglich waren. Während der Fahrt hatten sich die Reisenden einer Anzahl Ordnungsvorschriften zu unterwerfen; wer diese nicht beachtete, oder sich ungehörig benahm, konnte von der Weiterfahrt ausgeschlossen werden. Zum Beispiel war das Rauchen von Zigarren in der Postkutsche verboten, doch durfte aus geschlossenen Pfeifen, sofern alle Mitreisenden einverstanden waren, geraucht werden.

Jeder Postreisende hatte auf den kursächsischen Postlinien die Berechtigung, bis 30 Pfund Reisegepäck frei mitzunehmen; es war aber, mit Absender und Zielort versehen, mindestens eine halbe Stunde vor Abgang der Post einzuliefern; das darüber hinausgehende Gewicht mußte bezahlt werden. Die Postverwaltung übernahm dafür nur Gewähr, wenn sich der Aufgeber einen "Bagage-Zettel" ausstellen ließ; tat er dies, konnte er nach beendeter Reise nur gegen dessen Aushändigung seine Sachen wieder erhalten. Fand bei einer Station Wagenwechsel statt (was oft genug vorkam), hatten sich die Reisenden vom Vorhandensein und Verladen ihres Gepächs auf den anderen Wagen persönlich zu überzeugen. Selbstverständlich besaßen die Reisenden der durchgehenden Posten bezüglich der Plätze vor den auf den Unterwegsstationen hinzukommenden oder sich neu einschreibenden Personen den Vorrang. Für jene, die von Seitenlinien auf Hauptlinien unmittelbar übergingen, war die sofortige Weiterreise nicht immer sicher, da sie in den Plätzen den Reisenden der Hauptlinie nachstanden und den Ortsreisenden einer Poststation nur dann vorgingen, wenn sie sich vor ihnen hatten einschreiben lassen. Dieser Fall konnte z. B. eintreten, wenn jemand von Annaberg aus in Marienberg Anschluß nach Prag haben wollte.

Bei größeren Poststationen wurden bei Bedarf "Bei-Kaleschen" gestellt, die hinter den Hauptwagen zu gleicher Zeit herfuhren. Gerade sie waren nicht immer die besten; denn es wurden dazu häufig ausgediente Postwagen aus früherer Zeit oder andere, meist ungeeignete Fahrzeuge verwendet. Die Beschwerdebücher, die damals bei den Poststationen auslagen, enthielten vielerlei Klagen über den mangelhaften Zustand mancher Postwagen. So wurde die Postkutsche einmal mit "einem der schlechtesten Leiterwagen" verglichen, der infolge seiner Zerbrechlichkeit mit Nägeln, Schrauben und sonstigem Zeug übersät sei. Von einem anderen Wagen hieß es, daß "die Passagiere weder vor Wind noch Regen geschützet, und daß das Fortkommen auf demselben wie auf einem gewöhnlichen Rüstwagen ist".

Bisweilen mag auch die Bespannung der Postwagen nicht immer ausreichend gewesen sein — und nicht nur auf den Nebenlinien, sondern auch auf den Hauptstrecken. Davon gibt der folgende Eintrag ein Beispiel: "Wenn bei einem Eilwagen Last und Kraft in solchem Mißverhältnis stehen, daß die Passagiere, um die Beförderung möglich zu machen, sogar bei der Nacht aussteigen und zu Fuß gehen müssen, so ist Grund da, sich zu beschweren." Sehr oft wurde auch über das unhöfliche, ja rohe Benehmen der Postillione geklagt.

Die Postkutsche beanspruchte einst viel Zeit, mußten doch die Postillione wegen der fast allgemein schlechten Wge sehr vorsichtig fahren, um so mehr zur Nachtzeit oder bei Ueberschwemmungen und Schneeverwehungen im Winter; nicht selten trat ein "Malheur" ein, sei es durch Radbruch oder gar durch Umwerfen.

Die Postkutsche fuhr zwar nach einem gewissen Fahrplan, doch kann bei ihr von Pünktlichkeit im heutigen Sinne nicht die Rede sein; denn nur zu oft hatte sie stundenlange "Verspätung" oder sie fiel ganz aus. Ueberhaupt mag das Reisen im rumpelnden und zur Winterszeit vor der Kälte ungeschützten Postwagen nicht gerade angenehm gewesen sein.

Das Fahrgeld, das nach den auf den vermessenen Straßen ermittelten Entfernungen festgesetzt wurde, betrug bei den einfachen Fahrposten 5 Groschen für die Meile, bei den Diligencen, die besser gebaut waren, 6 Groschen und bei den Eilposten, die vor allem schneller und bequemer waren, 8 Groschen. Die Posten beförderten außer Personen und Briefen auch Pakete. Der Sicherheit halber wurde empfohlen, Warensendungen auf größere Entfernungen am besten in mit Leinwand oder Wachstuch umgebenen Kisten zu verschicken.

Annaberger Postamt
Das erste Annaberger Postamt befand sich von 1698–1881 auf der Buchholzer Straße Nr. 5 im Gasthof zum weißen Roß, dem jetzigen Nendel-Haus. (I.E.S. Nr. 18-21/1927. Die Entwicklung des Verkehrs im Obererzgebirge.)
Annaberger Posthalterei.
Die Jäger'sche Posthalterei an der Poststraße Nr. 1, jetzt Bruno-Matthes-Straße, dahinter das Postgut am Töpferweg, wo sich die Stallungen befanden. Das Postgut wurde am 2. Pfingstfeiertag 1907 durch Blitzschlag zerstört. (I.E.S. Nr. 6/1930.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 9, 19. Februar 1933, S. 1

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