Die Postmeilensäule, der Kilometerstein und die Straßennumerierung - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Die Postmeilensäule, der Kilometerstein und die Straßennumerierung

Von Regierungsbaudirektor v. Glaßer, Annaberg.

Wer das Wandern liebt, wer unsere heimische Berglandschaft schauend und genießend durchfährt, der kennt die baumgeschmückten Landstraßen, die die Städte, die Dörfer und die Gehöfte verbinden, und der weiß, daß lang vor ihm die Kaufmannszüge, die Herre von Freund und Feind, die Posten zu Wagen, zu Pferd oder zu Fuß, die Reisenden, die fahrenden Gesellen den gleichen Weg zogen. Gern beobachtet er hier und da die Zeichen vergangener Jahre, er sieht aber auch die Zeichen der Gegenwart.

Über 200 Jahre sind es her, daß Kurfürst August der Starke von Sachsen die Hauptstraßen seines Landes durch seinen Geographen und Landeskommissar Zürner aus Marieney bei Oelsnitz, einst Pfarrer von Skassa bei Großenhain, vermessen ließ und die Mittel zur Verfügung stellte, auf Grund dieser Vermessung steinerne Meilensäulen aufzustellen. 1722 begann die Aufstellung der prunkvollen Säulen. Sie wurden in Abständen von ganzen, halben und viertel Meilen errichtet. Ihre Aufschriften lauteten auf Stunden, wobei 2 Stunden Weges gleich 1 Meile gleich 9,062 Kilometer waren. Viele haben die Gegenwart nicht erschaut. Viele sind aber als stumme Zeugen eines großartigen Aufschwunges des Verkehrswesens in Sachsen erhalten geblieben. Die herrliche Säulen in Oberwiesenthal, Jöhstadt, Geyer, Elterlein, Marienberg usw. sprechen von jener Zeit. Auch die fern jeder Siedlung einfacher gestalteten Obelisken, wie z. B. zwischen Oberwiesenthal und Neuem Haus, bei Reitzenhain erinnern an jene Jahre.

Kursächsische Postmeilensäule Geyer

Kursächsische Postmeilensäule Geyer

Durch den Siebenjährigen Krieg, die Napoleonischen Kriege, die mit der Teilung Sachsens endeten, wurde die Entwicklung des Verkehrs und die Unterhaltung und der Ausbau der Kunststraßen mächtig gehemmt. Sie konnte jedoch nicht dauernd niedergehalten werden. Um das Jahr 1830 setzte eine rege Bautätigkeit ein. Die zusammengebrochenen Straßen wurden nach und nach wieder zum Teil unter völliger Verlegung der Linienführung instand gesetzt. 1858 wurde der Straßenbaukondukteur Wilke vom Finanzministerium beauftragt, sämtliche für die Fahrposten geeigneten Straßen neu zu vermessen und unter Ueberlassung der bisherigen Steine an die Gerichte und Gemeinden mit Entfernungszeichen neu zu versehen. Die Vermessung erfolgte von Poststation zu Poststation dergestalt, daß die Vermessung am volkreichsten Orte begann und ohne Unterbrechung bis an das Ende der betreffenden Poststation fortgesetzt wurde. An den Poststationen wurden 1,60 Meter hohe Steine mit den Aufschriften der nächsten Poststationen und der Ausgangsstation errichtet. Die neue sächsische Meile = 7,500 Meter wurde der Vermessung zu Grunde gelegt. 1,15 Meter hoch waren die Meilensteine, 0,75 Meter hoch die halben Meilensteine. Eine gußeiserne Krone schmückte sie.

Kursächsische Postmeilensäule Marienberg

Kursächsische Postmeilensäule Marienberg

Mit der Annahme des metrischen Maßsystems durch Sachsen beschloß das Finanzministerium im Jahre 1869 abermals eine Vermessung der Straßen und die Durchführung einer Bezeichnung der Entfernungen in der Weise, daß unter Betonung der vollen Kilometer durch Kilometersteine Hundertmetersteine mit der Bezeichnung etwa 3,1; 3,2; 3,3; 3,4 usw. an den Straßenkanten aufgestellt wurden.

Da die Postverwaltung inzwischen auf den Norddeutschen Bund übergegangen war, blieben außer den neuen Entfernungszeichen noch die alten Postmeilenzeichen. Erst im Januar 1872 wurden die Meilensteine für entbehrlich gehalten. Ein Teil wurde beseitigt, ein anderer Teil wurde in Kilometersteine umgewandelt, ein dritter Teil wurde dem Antrag des Erzgebirgsvereins entsprechend 1909 mit Entfernungsangaben dort aufgestellt, wo innerhalb 5 Kilometer Straßenlänge Ortsentfernungsangaben fehlten. Wer Zeit und Weglänge dem Ziehen über Berg und Tal in Verbindung bringen will, dem ist sonach hierzu durch die seit 1869 an den Kanten der Staatsstraßen bestehenden Zeichen die Möglichkeit gegeben. Ihm sei ferner gesagt, daß im Bezirke des Straßen- und Wasser-Bauamtes Annaberg die Anfangs- und Nullpunkte liegen, u. a. für die

Freiberg-Annaberger Staatsstraße bei der "Fichte" in Großhartmannsdorf,
Chemnitz-Annaberger Staatsstraße bei der "Besenschänke" in Burkhardtsdorf,
Annaberg-Wiesenthaler Staatsstraße an der Bismarckstraße in Annaberg,
Annaberg-Schneeberger Staatsstraße unmittelbar vor Scheibenberg,
Annaberg-Satzunger Staatsstraße an der Annaberg-Geyersdorfer Flurgrenze,
Annaberg-Jöhstädter Staatsstraße an der "Morgensonne" bei Annaberg,
Annaberg-Zwönitzer Staatsstraße an der Haltestelle Schönfeld-Zschopautal,
Olbernhau-Marienberger Staatsstraße am Rathaus zu Olbernhau,
Reitzenhainer Staatsstraße an der Wegegabelung Hohndorf-Augustusburg (Nullpunkt Leipzig).


Kursächsische Postmeilensäule Oberwiesenthal

Kursächsische Postmeilensäule Oberwiesenthal

Zu den seit 1869 bestehenden Entfernungszeichen werden nun in Bälde weitere Wegezeichen treten. Sie werden vor allem dem Schnellverkehr hervorragende Dienste leisten.

An Wegekreuzungen und Wegeabzweigungen und vor Unterbrechungsstrecken durch Städte und dritte Unterhaltungspflichtige werden zur Zeit Tafeln aufgestellt, die außer dem sächsischen Wappen als Hoheitszeichen die Bezeichnung Staatsstraße und eine Nummer tragen. Die gleiche Nummer wird manche Wegeirrung verhindern. Es haben im Bezirke des Straßen- und Wasser-Bauamtes Annaberg folgende Nummer erhalten:

 30 die Reitzenhainer Staatsstraße,
122 die Chemnitz-Annaberger Staatsstraße,
187 die Annaberg-Schneeberger Staatsstraße,
191 die Freiberg-Annaberger Staatsstraße,
192 die Annaberg-Zwönitzer Staatsstraße,
193 die Marienberg-Wolkensteiner Staatsstraße,
194 die Ansprung-Rübenauer Staatsstraße,
195 die Olbernhau-Marienberger Staatsstraße,
196 die Lengefeld-Augustusburger Staatsstraße,
197 die Annaberg-Jöhstädter Staatsstraße,
198 die Annaberg-Wiesenthaler Staatsstraße,
199 die Zwönitz-Scheibenberger Staatsstraße,
200 die Buchholz-Wiesenthaler Staatsstraße,
201 die Scheibenberg-Neudorfer Staatsstraße,
202 die Wolkenstein-Grünhainer Staatsstraße,
203 die Marienberg-Jöhstädter Staatsstraße,
204 die Annaberg-Satzunger Staatsstraße,
205 die Forchheim-Zöblitzer Staatsstraße,
206 die Kühnhaide-Satzunger Staatsstraße.


Vergangener Zeiten Wirken habe ich geschildert. Die Gegenwart ist nicht still geblieben.

Möchten diese Zeilen manchem Anregung und Nutzen bringen.


Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 34 v. 22. August 1926


zurück


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 119. Jahrgang, Nr. 34, 22. August 1926, S. 1

Start | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933 | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 | 1939 | 1940 | 1941 | Datenschutzerklärung | Impressum | Sitemap
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü