Erzgebirgisches im "Oskar-Seyffert-Museum" zu Dresden - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Erzgebirgisches im "Oskar-Seyffert-Museum" zu Dresden

1934 > 1934-35
Aufnahmen des Landesvereins "Sächsischer Heimatschutz".

Von Willy Hörning.

Der Leisniger Kirchenmusikdirektor Franziskus Nagler, der liebenswürdige Dichter sächsischen Dorf- und Kleinstadtlebens, hat ein reizendes Kinderspiel geschrieben, das in zahlreichen Schulaufführungen die Großen und Kleinen erfreute: "Der raritätenmann aus Sachsen". Heute weiß ich, daß das keine frei erfundene Gestalt ist, sondern daß der Wundermann wirklich lebt! Zwar zieht er nicht mit großen Kisten durchs Land, um seine Schätze zu zeigen, sondern du mußt dich nach Dresden in sein Museum bemühen, wenn du der Herrlichkeiten teilhaft werden willst. Denn der "Raritätenmann" ist niemandb anderes als Hofrat Prof. Dr. Oskar Seyffert, der in langer, gesegneter Lebensarbeit im Sachsenlande gesammelt und all das zusammengetragen hat im "Landesmuseum für Sächsische Volkskunst". In sommerlichen Tagen habe ich schöne Entdeckungsfahrten gemacht, Fahrten auf den Spuren erzgebirgischer Volkskunst. Dabei kann man an dem "Oskar-Seyffert-Museum" nicht vorübergehen. Ich lade dich ein, mit mir die Sammlung zu besuchen! — Von Dresden-Altstadt aus gehen wir über die Friedrich-August-Brücke nach der Neustadt. Hinter den Ministerien (Asterstraße 1) finden wir das schöne Gebäude. Ein prächtiger Renaissancegiebel, dahinter ein achteckiger Turm, beide von wildem Wein überzogen; das ist das charakteristische Äußere des Museums. Und nun hinein in die Schatzkammern sächsischer Volkskunst! Das ganze Erdgeschoß und das erste Stockwerk bieten in langer Flucht von Zimmern all die Herrlichkeiten, wunderbar geordnet nach Landschaften und Einzelgebieten volkskundlicher Forschung; nach "Lebensgemeinschaften" kann man die Anordnung bezeichnen. Lausitz und Erzgebirge sind darin nach Menge und Eigenart am besten vertreten. Wir wollen unsere Aufmerksamkeit nur letzterem zuwenden!
Dresden, Oskar-Seyffert-Museum
Oskar-Seyffert-Museum, 
Landesmuseum für Sächsische Volkskunst, Dresden-N., Asterstraße 1.
Gleich in einer der ersten Stuben begegnen wir erzgebirgischer alter Friedhofskunst. Eine Anzahl schmiedeeiserner Grabkreuze sind da ausgestellt, die unser Interesse wecken. Die meisten stammen aus Satzung, aber auch Großrückerswalde und Marienberg sind vertreten. Schauen wir uns einmal zwei besonders markante Exemplare dieser Kreuze an! (Siehe Abb.) Die Grundform ist das Kreuz, in der Mitte ein flacher eiserner Kasten, mit einem Türlein versehen. Öffnet man dieses, so findet man — in Buchform angeordnet — mehrere Platten vor, auf denen Name und kurzer Lebenslauf des Verstorbenen zu lesen sind. Darum ein vielverschlungenes Randwerk, mit verschiedensten Motiven verziert: Sterne und Tannenzapfen und der geöffnete Kelch der Tulpe, die wohl den "Kelch" (das Leiden) versinnbildlichen soll. Und am Rande spukt noch das Käuzchen herum, das der Volksaberglaube als "Totenvogel" ("Kommitchen") ansieht. Eine ganz eigenartige Zusammenstellung!
Schmiedeeiserne Grabkreuze aus dem Obererzgebirge
Schmiedeeiserne Grabkreuze aus dem Obererzgebirge.
Das andere der beiden Kreuze ist im ganzen mehr religiös aufgefaßt. Der Kasten mit den Mitteilungen über den Toten ist tiefer gerückt worden. Darunter findet sich mehrfach das Weintrauben-Motiv (das Heilandswort: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben"?). Oben am Kreuz ist eine wunderbare Kreuzigungsszene zu sehen: der Erlöser in der Mitte, ihm zur Seite zwei Engel und hüben und drüben wieder der Tulpenkelch. Über allem aber in großem Bogen der Himmel, mit Sternen besät. Hierin liegt eine tiefe Symbolik. Zwischen Himmel und Erde der Heiland als Mittler. In der Mitte des Ganzen taucht noch mehrmals das Traubenmotiv auf. Ob der Schöpfer dabei an den Wein des Abendmahls dachte, das den sündigen Menschen mit Christus versöhnt?
Blick in die Erdgeschoßräume
Blick in die Erdgeschoßräume.
Eine Mischung von Religiös-Kultischem und Profanem ist unsere erzgebirgische Weihnachtskunst. Daß diese innerhalb des Museums einen großen Raum einnimmt, ist wohl selbstverständlich. Doch es hieße Eulen nach Athen oder Fichten ins Erzgebirge tragen, wollte ich an dieser Stelle ausführlich darauf eingehen! Wir kennen das ja alle aus den jährlichen Weihnachts-Ausstellungen unserer Schnitz- und Krippenvereine. Es sollen deshalb nur wenige interessante und besondere Sachen aus diesem Gebiete erwähnt werden. Es sind hier die ältesten von besonderer Bedeutung. Da fällt z. B. jenes "Bornkinnel" ins Auge. Ein Steckkissen, in dem der "holde Knabe" schlummert; das Ganze hat die Gestalt eines Christstollens, aus einem Stück geschnitzt und bunt bemalt. Es ist wohl eine der allerältesten Arbeiten, die früher einmal in einer Familie in den Bergen unter dem Christbaum gelegen hat.
Bauernstube aus dem 18. Jahrhundert
Bauernstube aus dem 18. Jahrhundert.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 35 v. 26. August 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 35, 26. August 1934, S. 1

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