Die Laurentius-Kirche in Geyer. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Laurentius-Kirche in Geyer.

Ein Stück Ortsgeschichte, zusammengestellt von Karl Hans Pollmer.

Eine der schönsten Kirchen unserer obererzgebirgischen Heimat ist die Laurentius-Kirche der alten Bergstadt Geyer. Fast ebenso alt wie die Geschichte der Stadt selbst ist auch die Geschichte ihres Gotteshauses. Geyer mag etwa 1390 gegründet worden sein. Die Gründer waren Bergleute von Ehrenfriedersdorf, denen der Weg zu ihrer Arbeitsstätte zu weit und zu beschwerlich wurde und die sich darum in der Nähe des Geyersberges ansiedelten. Die alten Bergleute waren fromme Menschen. Schon kurz nach der Gründung der neuen Siedlung Geyer gegen Ende des 14. Jahrhunderts ist deshalb "uffm Gyr", also am Geyersberg, eine kleine Kapelle gebaut und dem treuen Gehilfen des römischen Bschofs Sixtus, dem heiligen Laurentius, geweiht worden, von dem die Legende berichtet, daß er auf einem glühenden Rost als Märtyrer sein Leben habe lassen müssen. Nicht viel später entstand neben dieser St. Laurentius-Kapelle ein zweites Gotteshaus, die St. Nikolai-Kirche. St. Nikolai ist bald Hauptkirche von Geyer geworden. Sie stand dort, wo heute der städtische Bauplatz liegt, am Bingeweg, in der Nähe der E. Rich. Dietzsch-Fabrik. St. Nikolai war ein sehr reich ausgestatteter Bau und hatte nicht weniger als 5 Altäre. Etwa 1491 fiel die Kirche einem großen Schadenfeuer zum Opfer. Man beschloß damals, das völlig niedergebrannte Gotteshaus nicht wieder aufzubauen, sondern vielmehr dafür die St. Laurentius-Kapelle zu vergrößern und zur Hauptkirche zu erheben. Noch heute ist an einem der äußeren Strebepfeiler am Altarplatz eine kurze Inschrift in lateinischer Sprache zu lesen, die auf jenen Umbau hinweist: "Completum est A. D. MCCCCCVI" — "vollendet im Jahre des Herrn 1506". 1931 konnte also die Kirchgemeinde Geyer das 425jährige Bestehen ihrer Laurentius-Kirche als Hauptgotteshaus feiern.
Geyer um 1630.
Wie Geyer vor drei Jahrhunderten aussah. Nach einer Federzeichnung von W. Dilich.
a) Neustädtel, b) St. Wolfgangs-Spital, c) Schiefertopf, d) Schlegelsberg, e) Rathaus, f) Pfarrkirche, g) Geyersbergischer Hof, h) Geyersberg, i) Spitzberg, k) der "Loberg".
In diesen 425 Jahren und in den Jahren zuvor, da St. Laurentius noch Kapelle war, hat die Laurentius-Kirche viel erlebt und manches Geschehen an sich vorüberziehen sehen. Die ersten Kirchgänger sind zweifellos schlichte Bergleute gewesen. Vor ihren Einfahrten in die gefahrenbringende Tiefe mögen sie in die Kapelle getreten sein und von Gott Schutz und Segen erfleht haben. Und nach glücklicher Ausfahrt mit reichen Funden werden sie wieder zur Kirche gekommen sein, Gott für seinen Schutz und Segen zu danken. Der Bergbau stand früher in Geyer in hoher Blüte. Es wurden in der Hauptsache Silber und Zinn, aber auch Kupfer und sogar Eisen gefunden. Das Silber wurde in die Münze nach Freiberg geliefert.

Die Gemeinde wurde wohlhabend und wuchs mehr und mehr empor. Von den Landesheren erhielt sie das Privileg der Bergfreiheit, d. h. das Recht, anstatt des Zehnten an den Landesherrn nur den Zwanzigsten zu entrichten. Um 1492 begann der Silberbau am Schreckenberg. Er wurde von Geyer aus unternommen und unterstand, auch als Annaberg schon gegründet war, noch jahrelang dem Bergmeister von Geyer. Um das Jahr 1500 waren auf den verschiedenen Gruben und Zechen in Geyer insgesamt über 140 Gewerke.

Später war auch der bekannte Baumeister und Bürgermeister von Leipzig, Hieronymus Lotter, am hiesigen Bergbau beteiligt. In all diesen Jahren des Aufstiegs und der Blüte tat St. Laurentius treu ihren Dienst.

Im 16. Jahrhundert kamen die ersten Notzeiten. Eine schwere Seuche brach in der kleinen Bergstadt am Geyersberg aus und raffte viele Menschen dahin. Die St. Laurentius-Kirche erlebte traurige Stunden. Kaum ein Tag verging, an dem nicht ihre Glocken zum Grabgang geläutet wurden. Damals sind viele Tränen in der Kirche geweint worden. Die Not war groß. Die Gemeinde verarmte. Das bekam auch die Kirche zu spüren. Viele schadhafte Stellen am Gemäuer, am Dach oder auch im Innern hätten ausgebessert werden müssen. Aber auch die kleinste Arbeit mußte unterbleiben. Aus einer Meldung des Rates der Stadt Geyer vom 4. August 1573 geht hervor, daß die Laurentius-Kirche damals so baufällig war, daß der Regen durch das Dach lief. Offenbar waren keine Mittel vorhanden, das Kirchendach decken zu lassen. Da aber tat die Gemeinde etwas, was man ihr sehr hoch anrechnen muß und was nie vergessen werden dürfte. Die Stadt verkaufte ihre Kanonen an den Kurfürsten und verwendete das aus diesem Verkauf gewonnene Geld zu Ausbesserungsarbeiten an der St. Laurentius-Kirche. Kanonen waren sicher in früheren Zeiten für eine Stadt höchst wertvolle Gegenstände. Ihr Verkauf bedeutete ein großes Opfer und zeugt von einer starken Verbundenheit von Gemeinde und Gotteshaus.

Auch in späteren Jahren wüteten oftmals schwere Seuchen, namentlich die Pest, der gefürchtete "schwarze Tod", in der alten Bergstadt; etwa aller 40 Jahre soll sie — und zwar im ganzen 4 Mal — hier aufgetreten sein. Jedes Mal sind 300 bis 400 Leute daran gestorben. Das will für die damals noch ziemlich kleine Stadt sehr viel heißen; jeder 4. bis 5. Mann erlag der furchtbaren Krankheit. Da hat die Laurentius-Kirche wieder viel Not und viel Leid gesehen. Das meiste Leid aber brachten die vielen Kriege. Die Schießscharten und der Wehrgang am Glockenturm sind noch Zeugen aus jenen Zeiten, in denen der Kirchhof mit seinen meterstarken Mauern als Festungsanlage diente. Die Laurentius-Kirche war als Wehrkirche angelegt; auch an den Ecken der Kirchhofmauern sind wahrscheinlich kleine Wehrtürme gewesen; das Hauptbollwerk war der große Wachtturm. Mancher Kampf mag hier ausgefochten worden sein; und oftmals mag die Gemeinde es erlebt haben, daß ihr ihr Giotteshaus wirklich eine feste, schützende Burg war.

Besonders schwer wurden die Zeiten des 30jährigen Krieges. Anfangs kamen die Schweden als die Freunde und Verteidiger des deutschen Protestantismus. Auch auf der Kanzel der St. Laurentius-Kirche haben schwedische Feldprediger gestanden und das Evangelium gepredigt. In unserer Kirche liegt sogar ein schwedischer Fähnrich begraben. Bald aber wendete sich das Verhältnis zu den Schweden. Aus den Freunden wurden Feinde. Als Gustav Adolf, der große Schwedenkönig, auf dem Schlachtfeld von Breitenfeld sein Leben gelassen hatte, wurden die Schweden zu gefürchteten Gegnern. Innerhalb weniger Jahre hatte die verarmte Bergstadt nicht weniger als 3000 Taler Kriegsbeisteuer zu entrichten. Schrecklich muß damals die Not gewesen sein. Aber die Gemeinde hielt fest an ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen und betete sich voll heißen Glaubens durch eine grenzenlose Leidenszeit hindurch. Gegen Ende des 30jährigen Krieges konnten die Leute nicht mehr in ihren Häusern bleiben. Auch unsere Gemeinde flüchtete vor den aufs grausamste wütenden Schweden in die Wälder. Da sollen Frauen — wie eine alte Nachricht erzählt — auf den Bäumen gesessen und dort Spitzen gehäkelt haben. Die Kirchen standen leer und verlassen. Die Schweden benutzten sie als — Pferdeställe. Zwar ist nicht bekannt, ob auch St. Laurentius dieses Schicksal geteilt hat; aber es ist sehr wohl möglich. Wie sehr die Kriegshorden hier gehaust haben,geht daraus hervor, daß es in Geyer 13 Jahre nach dem Friedensschluß, also 1661, noch 118 Brandstätten und nur 83 bewohnte Häuser gab. Langsam wuchs die Stadt wieder empor. Des öftern drohten neue Kämpfe und Kriege. Dann fand sich die glaubensstarke Gemeinde in ihrem Gotteshaus zu besonderen Buß- und Bettagen zusammen. So wurden im Jahre 1664 im ganzen 7, im Jahre 1672 im ganzen 6 Bußtage abgehalten. Ein neues großes Leid brachte das Jahr 1704. Ein Teil des Geyersberges brach in sich zusammen. Der Bergbau hatte keinen rechten Fortgang mehr. In den Jahren 1771—1772 erlebte Geyer eine große Hungersnot. Viele Menschen starben; es blieben nur 915 Personen am Leben. Wieder hallte die Kirche wieder von Grabgesang und sah viele Tränen und viel Traurigkeit. Am 11. März 1803 brach der Geyersberg zum zweiten Mal zusammen. Die Häuser von Geyer sind damals wie von einem Erdbeben erschüttert worden. Beim ersten Einbruch des Gesteins im Jahre 1704 hatte man die unter Tage arbeitenden Bergleute noch rechtzeitig warnen können; 1803 war das unmöglich. So wurden die beiden Bergleute Christian Gottlieb Schramm und Johann Gottlieb Zimmermann verschüttet und konnten bis heute nicht geborgen werden; noch heute ruhen ihre Gebeine im Schoß der Binge. Im 19. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm der Bergbau ständig mehr ab. 1855 fand hier in Geyer das letzte Zinnschmelzen statt; dann wurde der Bergbau eingestellt. Im selben Jahre wütete in Geyer als letzte schwere Epidemie der Typhus und riß große Lücken in die Einwohnerschaft.

An Stelle des niedergegangenen Bergbaues kamen im 19. Jahrhundert neue Erwerbszweige auf. Evan Evans führte mit seiner Fabrik in Siebenhöfen die Spinnerei ein. Dann kam die Posamenten-Industrie und brachte die Stadt zu neuer Blüte und zu neuem Wohlstand. Ein schweres, leidvolles Jahr war für Geyer das Jahr 1863. Am 11. Juni 1863 ging über die kleine Bergstadt ein mit Hagelschlag begleitetes Gewitter nieder. Die Früchte auf den Feldern wurden vernichtet, und für die Glaser gab es mehrere Tage anstrengende Arbeit, bis all die zerschlagenen Fensterscheiben wieder erneuert waren. Im Reutherhof — heute das Karl Stopp-Grundstück auf der Hindenburg-Straße — entwurzelte der Sturm eine mehrere hundert Jahre alte Linde. Zwei Wochen nach diesem furchtbaren Hagelwetter, am 25. Juni 1863, in der Mittagsstunde, brach in einem Haus in Niedergeyer, in dem Watte hergestellt wurde, ein Feuer aus. Die brennende Watte flog bis nach Obergeyer und entzündete mehrere Häuser. Schließlich dehnte sich der Brand auf 38 Häuser und 2 Scheunen aus. Unter anderem brannten mit nieder das 1844 erbaute Rathaus, die Pfarrwohnung, das Diakonat und das Brau- und Malzhaus. Geyer zählte damals 3836 Einwohner in 340 Wohnhäusern. Wie möge bei diesem gewaltigen Feuer die Glocken von St. Laurentius geläutet haben! Wie viel Leid mag St. Laurentius nach diesem Unglück wieder gesehen haben! — Am Sonntag Quasimodogeniti des Jahres 1904 trat der Diakonus Alfred William Mehnert († im April 1931) die erste Pfarrerstelle an St. Laurentius an. Schon seit 1893 war er Diakonus in Geyer. Ihm verdanken wir den Umbau des Gotteshauses in den Jahren 1907—1909. Durch diesen Umbau, zu dem Pfarrer Mehnert selbst manchen Plan mit entworden und dessen Durchführung er geleitet hat, wurde uns das schöne, prachtvolle Gotteshaus geschenkt, das heute einen der ersten Plätze unter den Kirchen des oberen Erzgebirges einnimmt. Nur der Innenbau ist damals umgestaltet worden. Die alten Mauern sind geblieben. Als mächtige steinerne Zeugen weisen sie hinüber in eine lange Vergangenheit. Zugleich aber sind sie Wegweiser hinaus in die Zukunft. Möge St. Laurentius wie schon eine große Reihe von Generationen zuvor auch denen, die da noch kommen werden, "ein starker Hort sein, dahin sie immer fliehen mögen"!
Geyer im Jahre 1929.
Geyer im Jahre 1929.
(Flugzeugaufnahme aus dem Verlag von H. Ritschel-Geyer.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 33, 13. August 1933, S. 1

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