Das Heilig-Abend-Lied als Spiegel heimischen Brauchtums. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Das Heilig-Abend-Lied als Spiegel heimischen Brauchtums.

1934 > 1934-52
Horst Henschel-Schwarzenberg.

Als im Herbst vergangenen Jahres der Geschichtsverein in Schwarzenberg eine schlichte Gedenktafel am Sterbehaus der Johanne Amalie von Elterlein enthüllte, erfüllte der Erzgebirger eine Dankespflicht an jene Frau, die unserer Heimat eines unserer innigsten Lieder schenkte: Das Heilig-Obnd-Lied.

"Johanne Amalie von Elterlein war eine schlichte Frau, aber gerade darum dem Erzgebirger wesensnah. Mit einer alten erzgebirgischen Sippe verbunden, deren Ahnen seit Jahrhunderten in diesen Tälern schafften und die schon in Barbara von Elterlein eine Frau besonderen Gedenkens dem Gebirge geschenkt hat, besaß sie jenes Eingeborensein in die erzgebirgische Landschaft, ohne das sie jenes Lied nicht hätte schaffen können. Sie kannte die Armseligkeit der Häuschen, sie wußte von dem entbehrungsreichen Leben ihrer Bewohner, sie kannte die stille Wärme, die da alljährlich von den Weihnachtslichtern und dem Duft der Bratäpfel ausströmte. Und in schlichten Worten, denen sich bald eine humorvoll heitere Melodie zugesellte, hat sie dies alles in ihrem Heilig-Obnd-Lied wie in einem Spiegel gesammelt. Und wenn wir ihr Lied singen, wo es auch immer sei, dann steigen die schneebedeckten Berge unserer Heimat vor uns auf, dann wird die warme Stube mit dem Heilig-Abend-Stroh, die Engel, Bergleute und Peremetten lebendige Vorstellung" (Dr. W. Fröbe in seiner Weiherede am 19. November 1933).
Ausschnitt aus der Weihnachtskrippe der Gewerbeschule in Annaberg
Fürchtet euch nicht; siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Evang. Lucä 2, 10, 11.
Ausschnitt aus der Weihnachtskrippe der Gewerbeschule in Annaberg.
(Photo: Erna Meiche.)
Amalie von Elterleins Geburtstag jährte sich am 27. Oktober d. J. zum 150. Male. Ihre Eltern sind der Annaberger Kauf- und Handelsmann Christian Ehregott Benkert und dessen Gattin Johanne Dorothea geb. Köhler. Als Amalie zwanzig Jahre alt war, vermählte sie sich mit dem aus Rittersgrün gebürtigen Erblehn- und Gerichtsherrn Karl Heinrich von Elterlein auf Drebach (bei Wolkenstein). Ihrer Ehe entsprossen zwei Knaben und ein Mädchen. Später hielt sich Amalie in Pöhla und Rittersgrün auf, wo sie mit 60 Jahren Witwe wurde. Als 74jährige zog sie nach Schwarzenberg; hier beschloß sie am 20. November 1865 im Alter von 81 Jahren ihren Lebensabend.

Das Heilig-Abend-Lied der Johanne Amalie von Elterlein ist eine Perle im Liederschatz des weihnachtsseligen, liederfrohen Erzgebirgers, ein "Kleinod aus dem Schatz des deutschen Volkstums". Kurz nach 1830 mag es entstanden sein. Vier verschiedene, alte Aufzeichnungen, die für die Liedforschung in gleichem Maße bedeutsam sind, sind uns bekannt.

Die älteste Niederschrift befindet sich in einem Notizbüchlein der Christiane Concordie Ritter in Annaberg mit dem Zeitvermerk "25. Dezember 1836". Die Verfasserin ist nicht genannt. In dieser Aufzeichnung fehlen die 5., 7. und 16. Strophe.

Eine zweite, einige Jahre jüngere Aufzeichnung entdeckte Dr. Alfred Müller-Kötzschenbroda in einem handschriftlichen Scheibenberger Liederbuch. Auch hier fehlen die 7. und 16. Strophe sowie die Angabe der Dichterin. Bedeutsam ist die Scheibenberger Niederschrift durch die beigegebene eigenartige Singweise.

Die erste gedruckgte Aufzeichnung finden wir bei dem Schwarzenberger Finanzprokuratur und Bürgermeister Johann Traugott Lindner im 1. Heft seiner 1844 erschienenen "Wanderungen", der das Lied mit folgender Einführung abdruckt: "Zu der Geschwätzigkeit (der Großpöhlaer weiblichen Bevölkerung) gesellt sich noch unter den Proletariern eine Menge sonderbarer Gebräuche und das Familienleben bezeichnender abergläubischer Gebahrungen, besonders zur Weihnachtszeit, denen man in folgendem Liedchen begegnet, welches eine Pöhlaerin in ihrem Dialekt selbst zum Verfasser hat". Lindner nennt den Namen der Verfasserin nicht, vielleicht auf ihren eigenen Wunsch. Auch in der Lindnerschen Wiedergabe fehlen zwei Strophen, nämlich außer der 14. wiederum die 16. Neu hinzugekommen ist die 7. Strophe.
Der erste Blick ins Wunderland.
Der erste Blick ins Wunderland.
Die vierte Aufzeichnung des Liedes stammt aus dem Jahre 1862 und zwar von Schulrat Dr. Moritz Spieß in Annaberg (in seiner als Annaberger Schulprogramm erschienenen Schrift "Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges. Ein Beitrag zur Kenntniß des Volkslebens im Königreich Sachsen"). Hier finden wir erstmalig alle 16 Strophen, leider nicht die Singweise. Was der Spieß'schen Aufzeichnung aber besonderen Wert verleiht, ist, daß Spieß uns den Namen der Verfasserin nennt. Johanne Amalie von Elterlein lebte damald noch und zwar in Schwarzenberg. Wir dürfen somit annehmen, daß die Spießsche Aufzeichnung die authentische ist.

Sowohl Lindner wie auch Spieß haben durch ihre Veröffentlichung wesentlich zur Verbreitung des Liedes beigetragen. Da es aus einem außerordentlich stark betonten Erlebniskreis des Volkes heraus und in der Volkssprache geschaffen wurde, wundert's uns nicht, daß das Lied von den Bewohnern unserer Berge sofort an- und aufgenommen wurde. 1867 schon wurde es von Dr. Ernst Köhler in der Gegend von Greiz aufgefangen. Heute ist es Gemeingut des Erzgebirgers schlechthin.

Das Heilig-Abend-Lied der Johanne Amalie von Elterlein wurde zum Volkslied. Als solches hat es sich gefallen lassen müssen, daß das Volk Änderungen am Text und Ergänzungen vornahm; und noch heute tauchen hie und da neue Strophen auf, die freilich zu der Geschlossenheit des Liedes oft nicht recht passen wollen. Von den mir bekannten zehn Zusatzstrophen des Volksmundes habe ich drei mit eingegliedert; sie sind durch ein Z gekennzeichnet.

Wie beim Text, so finden wir auch hinsichtlich der Singweise Neuschöpfungen und Änderungen. Außer der Scheibenberger Weise kennen wir noch zwei andere, deren eine der Volkskundeforscher Ernst John im Jahre 1904 in Annaberg auffing. Die andere (bei E. John unter Nr. 211a aufgeführte) ist die heute wohl überaqll im Erzgebirge gebräuchliche Weise. Ob sie die ursprüngliche ist, wird schwer festzustellen sein. Darauf aber kommt es nicht an. "Ein Volkslied kennt keine Norm. Über seinen Wert entscheidet allein die Tatsache, ob es gesungen wird oder nicht. Dann aber bleibt es immer lebendig, immer gegenwartsnah, ewig jung."

  1. Heit is dr Heilge Obnd, ihr Mäd,
    kummt rei, mr gießen Blei!
    Kort, laaf när naus zor Hanne-Christ,
    se muß beizeiten rei!

  2. Mr hom ne Lächter agezündt,
    sätt nauf, ihr Mäd, die Pracht!
    Und driem bei eich is aa racht schie,
    ihr hatt e sau geschlacht.

  3. Sätt ah, ihr Mäd, dos Mettenlicht
    im zwee-e-zwanzig Pfeng!
    Gieh, Hanne, hul e Tippel rei!
    Dr Lächter is ze eng.

  4. Zünd när e Weihrichkerzel ah,
    doß nooch Weihnachten riecht,
    und setzis of dos Scherbel dort,
    dos unnern Ufn liegt!

    Z Nooch zünd mr noch's Peremettel ah,
    aa 'n Bergma un ne Tärk,
    de Spinn und aa ne Weihnachtsengel,
    's Bornkinnl und ne Berg.

  5. Lott, dortn of dr Hühnersteig,
    do liegt men Lob sei Blei,
    ober rafl net ze sehr drmiet,
    sist werd dr Grienerts schei!

  6. Iech gieß fei erscht! — Wenn krieg ich dä? —
    Sätt har, en Zwackenschmied! 
    De Korli lacht; se denkt wuhl gar,
    iech maan ihrn Karl-Fried?

    Z De Mäd, die springe hie und har
    und hom e halle Fraad,
    drweile fällt e Tippel im,
    dos war de klaane Mad.

  7. 's Mannsvolk hot sei Frad an wos,
    mog's sei, an wos is will,
    mei Voter hots an Vugelstelln,
    dr Kar dar hots an Spiel.

  8. Mr hom aa dreizn Butterstolln,
    su lang als wie e Bank.
    Heit werd emol gefrassen warn!
    Ihr Mäd, werd när net krank!

  9. Mr hom aa Neinerlaa gekocht,
    aa Worscht und Sauerkraut.
    Mei Mutter hot sich ohgerannt,
    die alte, gute Haut!

  10. Fritz, brock de Sammelmilich ei,
    nasch oder net drvu!
    Ihr Gunge, warft kenn Raspel ro
    ins Heilig-Obnd-Struh!

  11. War is dä übern Schwammetopp?
    Nu! Henner! Ruhste net?
    Na wart när, wenn dei Voter kimmt,
    mußte wahrlich nauf ze Bett!

  12. Uu! Horcht emol in Ufentopp,
    dos Rumpeln und dos Geign!
    Wos werd dos ze bedeitn hom?
    Emende wuhl gar Leing?

  13. Ne Heiling-Obnd zr Mitternacht
    do läft statt Wasser Wei;
    wenn iech mich när net färchten tät,
    ich hult mr en Topp vull rei!

  14. Do driem bei denn Wassertrug,
    do stieht e schwarzer Ma,
    und war net rachte Tatzen hot,
    denn läßt'r gar net na.

  15. Lob! Hul gleich bei dr Hannelies
    ne Voter e Kannel Bier;
    nooch wenn de kimmst, do singe mer:
    ich freie mich in dir!

    Z Nu setzn mr sich imme Tisch
    und singe noch e Lied,
    un draußn stieht aa noch jemand:
    dr grußen Mad ihr Schmied.

  16. Ihr Kinner, gitt ins Bett nu nauf!
    dr Saager zeigt schu aans. — —
    Öb mr Weihnachten wieder derlaabn?
    Wie Gott will, su geschaahs!
Auch der Schwarzkittel muß zum Weihnachtsfest versorgt werden.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 52 v. 24. Dezember 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 128. Jahrgang, Nr. 52, 24. Dezember 1934, S. 1

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