Die 200jährige Frohnauer Oelmühle - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die 200jährige Frohnauer Oelmühle

1932 > 1932-45

Immer neue Bilder tauchen aus dem reichen Schatz der Vergangenheit unseres Obererzgebirges auf und mit ihnen wird uns jedes Mal wieder ein Stück Heimatgeschichte nahe gebracht.

Wer weiß heute noch etwas von den Oelmühlen, die bis vor 4 Jahrzehnten Träger eines wichtigen Handwerks waren, von denen aber die meisten nach und nach Opfer der fortschreitenden Industrialisierung wurden. Motorgetriebene Maschinen überflügelten die Leistungen der mit Wasserkraft arbeitenden Oelmühlen und entrissen ihnen Stück für Stück ihres Lebensbodens. Nur wenige Orte im Obererzgebirge beherbergen noch Oelmühlen, u. a.: Mildenau, Wiesa, Tannenberg und Fichtenbach.

In Frohnau stand bis zum 29. Dezember 1910 die auf unserem Bilde festgehaltene Häusergruppe. Rechts sehen wir die turmgeschmückte, mit einer Uhr versehene Meyersche Schnuren- und Posamentenfabrik und davor, von dieser durch einen Betriebsgraben getrennt, einen echt erzgebirgischen Fachwerkbau, die 200 Jahre alte Frohnauer Oelmühle, links davon deren Wirtschaftsgebäude für die ihr angegliederte Landwirtschaft, das bis heute noch an seinem Platze steht.

In der Frohnauer Oelmühle wurde zwei Jahrhunderte lang aus Lein das für den Gebirgler so wichtige Leinöl hergestellt. Metallbeschlagene Holzstampfen, die durch eine von Wasserkraft getriebene Welle gehöben wurden, wie wir es heute noch im Frohnauer Hammer beobachten können, fielen auf den in den Stampfbecken, die am Boden mit starken Eisenplatten versehen waren, liegenden Lein nieder und zerstampften ihn. Aus den Stampfbecken kam der gestoßene Lein auf die warme Platte eines herdartigen Ofens. Nachdem der Lein genügend erwärmt war, wurde in einer Presse das Oel gewonnen und in entsprechenden Gefäßen aufgefangen.

Das erzeugte Leinöl diente vorzugsweise der menschlichen Nahrung. Das Leinmehl wurde als Viehfutter, das von den Tieren gern genommen wurde und auf Milchertrag und Fleischbildung günstig wirkte, verwendet.

Auch zur Seifenherstellung wurde Leinöl gebraucht und die Frohnauer Oelmühle lieferte u. a. auch regelmäßig an die Seifensiederei F. W. Lehmann in Annaberg. Kaufleute brachten ihr in früheren Jahren Pfeffer, Piment usw., der ganz fein zerstoßen wurde. Auch ließen Apotheken, u. a. die Löwen-Apotheke, Annaberg, das Material für die Räucherkerzenherstellung hier zerkleinern.

Die Landwirte beschäftigten die Melzersche Oelmühle mit Einschroten des Getreides und ließen, wie viele Haushalte, auch ihren Lein in Leinöl und Leinmehl verarbeiten.

So gab es jahraus, jahrein lebhaft zu tun und das Klopfen und Hämmern des Pochwerkes war Tag und Nacht zu hören.

Der letzte Oelmüller von Frohnau war Louis Melzer. Sein Leinöl, das auch ärztlicherseits empfohlen wurde, sein Leinkuchen und Leinmehl waren infolge ihrer guten Beschaffenheit begehrt und fanden Absatz im Orte sowie in der näheren und weiteren Umgebung.

Infolge vorgerückten Alters des Besitzers und seiner Frau ging das Anwesen im Juni 1903 käuflich an Gustav Meyer sen. über, der den Betrieb noch kurze Zeit fortsetzte, dann aber einen Teil der vorhandenen Räume mit zur Schnurenfabrikation verwendete.

Am 29. Dezember 1910 früh in der Zeit der 3. Stunde brach in der Meyerschen Schnurenfabrik Feuer aus. Die grimmige Kälte erschwerte das Löschwerk ungemein. Das Wasser fror in den Schläuchen ein, so daß dem gefräßigen Element nicht wirksam Einhalt getan werden konnte. Es sprang auch auf die Oelmühle über und äscherte sie vollkommen ein. Auch die Meyersche Fabrik brannte bis auf die Umfassungsmauern nieder.

Im Sommer 1911 erwarb Kaufmann Oskar Hempel sen., Annaberg, die Brandstätten und ließ durch Baumeister Edmund Zschocke, Crottendorf, ein größeres Fabrikgebäude errichten, während die Brandstätte der Oelmühle eingeebnet wurde.


126. Jahrgang, Nr. 45, 6. November 1932
Druck und Verlag: Felix Thallwitz i. Fa. C. O. Schreiber. Verantwortlich für die Schriftleitung: Willy Thallwitz, Annaberg.


INHALT:

  • Die 200jährige Frohnauer Oelmühle

  • Stürme und Nöte bei dem Posamentierer-Handwerk (6)

  • Herz in Flammen (Roman, 7)

  • Aktueller Zeitbilder-Dienst

  • Die Frau im Jumper (Mode)

  • Der Herr im Winter (Mode)

  • Bilder aus dem Obererzgebirge



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Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 45, 6. November 1932, S. 1

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