Erzgebirgischer Volksaberglaube. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Erzgebirgischer Volksaberglaube.

1934 > 1934-23

Von Karl Hans Pollmer.

Das ganze Familienleben des Erzgebirglers ist auch heute noch vielfach umrankt und durchsetzt vom Aberglauben. Schon für Brautleute gibt es vieles zu beachten. Das ersehnte Eheglück ist ernstlich in Frage gestellt, wenn sich Brautleute zusammen photographieren lassen, wenn sie zusammen in einen Spiegel schauen, wenn sie sich an Feiertagen treffen (denn "Feiertags-Freier holt der Geier"), wenn sie einander Strümpfe oder Schuhe schenken (solche Geschenke "zertreten" die Liebe) oder Nadeln, Schmucknadeln z. B. (diese "zerstechen" die Liebe). Wenn die Braut unter freiem Himmel tanzt oder wenn sie ihr Hochzeitskleid schon vor der Hochzeit, vielleicht zum Anproben, anlegt, dann wird sie niemals Hochzeit halten. Wer in eine gefüllte Kaffeetasse lacht, bekommt bestimmt einmal keinen Mann, bezw. keine Frau. Hat man beim Kaffeetrinken seine Tasse noch nicht ausgetrunken, dann soll man sich nicht zugießen lassen; man bekommt sonst eine böse Schwiegermutter. Das gleiche geschieht, wenn man beim Essen an der Ecke des Tisches sitzt. Häßlichen Mädchen gibt der Aberglaube den Rat, Kaffeesatz zu trinken oder sich im Maitau zu waschen; beides mache schön. Am Polterabend, dem Abend vor dem Hochzeitstag, werden von den geladenen Gästen Aschetöpfe und andere tönerne Gefäße zerschlagen; die Scherben müssen Braut und Bräutigam selbst wegkehren. Am Hochzeitstag darf der Bräutigam die Braut im Brautkleid erst sehen, wenn er sie zur Kirchfahrt holt. Begegnet der Hochzeitswagen einem Leichenzug, dann bedeutet das nichts Gutes. Wenn es der Braut in den Brautkranz regnet, d. h., wenn es am Hochzeitstag regnet, dann soll sie reich werden. Spätestens um Mitternacht muß die Braut den Brautkranz ablegen, wenn sie nicht in eine trübe Ehe gehen will. An Feiertagen und bei abnehmendem Mond läßt man sich nicht gerne trauen. Auch Doppelhochzeiten innerhalb der Familie werden vermieden; bei Doppelhochzeiten soll immer ein Paar unglücklich werden.

Holzschlag an der Staatsstraße Königswalde–Jöhstadt (T. A. W.-Photodienst.)

Wenn sich dann nach Jahr und Tag in der jungen Ehe Kinder einstellen, dann gibt es auch wieder vieles zu beachten. Mit einem Kind, das noch nicht getauft ist, soll man nicht in eine andere, fremde Stube gehen. Auch soll man mit ihm nicht auf den Friedhof gehen; das Kind würde sonst bald wieder sterben. Einem noch nicht einjährigen Kind beschneidet man nicht gerne Nägel und Haare. Man läßt es auch nicht in den Spiegel schauen. Wenn man ein Kind, das noch nicht ein Jahr alt ist, beregnen läßt, bekommt es Sommersprossen. Steigt man über ein Kind weg, das vielleicht am Boden sitzt und spielt, dann wird es nicht mehr wachsen. Man soll nicht den leeren Kinderwagen fahren; das Kind kann dann nicht schlafen.

Umziehen in eine neue Wohnung soll man nur bei zunehmendem Mond oder bei Vollmond, ja nicht bei abnehmendem Mond. In die neue Wohnung trägt man zuerst Salz und Brot hinein - oder auch die Uhr. Ueber die Haustür nagelt man gerne ein auf der Straße gefundenes Hufeisen; das soll vor Bezauberung und Feuersgefahr schützen.

Gewissen Tagen der Woche wird eine ganz besondere Bedeutung zugeschrieben. So vor allem dem Montag, dem Freitag und dem Sonntag. An Montagen gibt man nicht gerne Geld aus. Man fragt auch nicht gern jemand nach der Zeit, man würde ihm damit das Glück der ganzen Woche nehmen. Dasselbe geschieht, wenn man Montags und Freitags mit einem leeren Gefäß in eine andere Wohnung geht. Freitags soll man nicht Hochzeit halten, soll man keine Stelle antreten; wer sich an einem Freitag aufs Krankenbett legt, der soll nicht wieder davon aufstehen. Der Sonntag ist ein Glückstag. Sonntagskinder - solche, die an einem Sonntag geboren sind - sind Glückskinder. Wenn früh der Mann zur Arbeit geht, dann gibt man ihm nicht gerne das letzte Stück Brot mit - mit einem eben gekauften Brot geht man nicht in fremde Wohnungen.

Kinder hält man an, ihre Butterschnitten in der Stube, nicht draußen auf der Straße zu essen - mit dem Brot geht der Segen hinaus aus dem Haus.

Geht man fort und muß noch einmal umkehren, dann bedeutet das bestimmt nichts Gutes. Verreist man, dann ist es besser, man begegnet draußen auf der Straße zuerst einem Mann - ganz besonders gut, wenn er ein Briefträger ist! - als eine Frau. Trinken aus Gläsern, die einen Riß haben, tut nicht gut; man wird noch betrunken an diesem Tag. Abends kehrt man nicht die Stube; man kehrt sonst die Nachtruhe mit hinaus. Nachts über darf keine Schere auf dem Tisch liegen bleiben; es kann sonst der Jüngste oder das Aelteste in der Familie nicht schlafen. Steigt man früh mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bette, dann hat man den ganzen Tag über Verdruß und miese Laune. Nüchtern niesen besagt, daß man beschenkt wird. Hat man den Schlucken, dann wird irgendwo von einem geredet. Wenn einem das Auge tränt oder wenn sich die Katze putzt, dann kommt bald Besuch. Klingt einem das rechte Ohr, dann wird man beklatscht.

Steht nahe am Abendstern oder nahe am Mond ein anderer auffallend heller Stern, dann steht ein Feuer im Ort bevor. Rückt die Feuerwehr aus und kommt nicht zum Spritzen, dann wird sie bald wieder ausfahren müssen, d. h. also, dann wird es bald wieder irgendwo brennen. Viel Vogelbeeren deuten auf einen kalten, harten Winter. Sind viel Sterne am Himmel, dann wird bald schlechtes Wetter werden.

Ehrenfriedersdorf feiert sein Kirchweihfest immer einen Sonntag früher als Geyer, Anfang September etwa. Regnet es zur Ehrenfriedersdorfer Kirmes, dann ist's zur Geyerschen schön - ist's zur Ehrenfriedersdorfer schön, dann regnet's zur Geyerschen. In dem vergangenen Jahr allerdings hat diese platte "Wettervoraussage" gründlich versagt: es herrschte sowohl zum Ehrenfriedersdorfer, als auch zum Geyerschen Kirchweihfest wunderschönes Herbstwetter. Eine ähnliche Wetterregel kennt man in Drebach bei Ehrenfriedersdorf, das durch seine Krokuswiesen bekannt ist; dort feiert man das Kirchweihfest 14 Tage nach der Geyerschen Kirmes, und man sagt: "War's zur Ehrenfriedersdorfer und zur Geyerschen Kirmes schön, dann regnet's zur Drebacher todsicher!"

Im Monat März merkt man sich die Nebeltage. Genau 100 Tage nach einem solchen nebligen Märztag wird ein Gewitter sein. Das Wetter am Freitag bestimmt das Wetter des folgenden Sonntags, d. h. also, wie's am Freitag ist, so soll's auch am Sonntag sein. Ist man bei einem Gewitter im Wald, und muß man sich unter Bäumen stellen, so verfährt mandabei nach dem Verslein: "Vor den Eichen sollst du weichen, vor den Fichten sollst du flüchten, doch die Buchen magst du suchen!"

Viel Aberglaube verbindet sich auch mit gewissen Tieren. Läuft einem eine Katze über den Weg, dann bedeutet das, wenn die Katze schwarz ist, nichts Gutes, wenn sie weiß ist, dagegen etwas Schönes. Die unliebsame "Prophezeiung" der schwarzen Katze kann man aber unwirksam machen, indem man drei Mal kräftig ausspuckt. In manchen Orten sieht man weniger auf die Farbe der Katze, die einem zufällig den Weg kreuzt, sondern mehr auf die Richtung, aus der die Katze kommt. Die Leute kennen in diesen Zusammenhang den kleinen Vers: "Von links - 'was Gut's; von rechts - 'was Schlecht's!" Von der Spinne sagt man: Spinne am Morgen (d. h. die Spinne, die man am Morgen sieht) bringt Kummer und Sorgen, Spinne am Mittag bringt Glück für den anderen Tag, Spinne am Abend ist erquickend und labend. - Der Vogel Kuckuck soll imstande sein, die Lebensdauer eines Menschen vorauszusagen. So oft er hintereinander "Kuckuck" ruft, so viele Jahre stehen einem noch bevor. Schlimm ist es mit dem bestellt, der den Kuckuck schreien hört und kein Geld in der Tasche hat; er wird nämlich dann das ganze Jahr über kein Geld haben. Die Schwalbe ist ein Glücksvogel. In den Häusern, in denen sie Nester baut, wohnen Glück und Frieden. Wenn in einem Haus eine Henne kräht, was vorkommen kann, dann bedeutet das immer ein Unglück. Eine solche Henne wird sofort getötet. In vielen Familien scheut man sich, den Haushahn zu verspeisen. Er wird immer verkauft und außer Haus, von anderen, gegessen. Die Eier, die die Hühner im Monat August legen, sollen nie verderben, gleich wie lange man sie aufhebt. Im Winter kommen die Krähen oftmals weit in die Nähe menschlicher Wohnungen. Wenn sie in der Nähe eines Hauses schreien, dann wird in diesem Hause bald jemand sterben. Wenn ein Hund winselt und dabei den Kopf nach oben hält, dann brennt es bald in der Nachbarschaft. Hält er beim Winseln den Kopf nach unten, dann stirbt bald jemand in der Nähe. Frißt der Hund Gras, dann bedeutet das, daß es bald regnen wird. Das Käuzchen ist der Verkünder des nahen Todes.

Um Todesfälle rankt sich ebenfalls viel Aberglauben. Sind auf einmal zwei Leichen im Ort, dann kommt sicher bald noch eine dritte hinzu. Es heißt: Wenn zweie auf'm "Brettl" liegen, kommt bald die dritte drauf. Wenn jemand gestorben ist, werden sogleich alle Fenster geöffnet, damit die Seele hinauskann. Auf das Angesicht des Toten darf keine Träne fallen, das würde ihn um seine Ruhe im Grabe bringen. Sind die Trauerleute am Begräbnistag mit dem Sarg zum Haus hinaus, dann wird sofort die Haustür geschlossen und das Haus von oben bis unten ausgekehrt. Wenn an einem Begräbnistag schönes Wetter ist, dann ist der Tote nur ungern gestorben, ist trübes, regnerisches Wetter, dann ist er gerne gestorben. Einen Monat vor dem Ende des üblichen Trauerjahres fängt man an "auszutrauern", d. h., auf dem schwarzen Kleid bringt man einen weißen Kragen an, oder man wechselt das schwarze Kleid in ein anderfarbiges, dunkles, vielleicht blaues Kleid. Täte man das nicht, dann würde man bald wieder zu trauern haben.

(Fortsetzung folgt.)

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 23 v. 3. Juni 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 23, 3. Juni 1934, S. 1

Start | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933 | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 | 1939 | 1940 | 1941 | Datenschutzerklärung | Impressum | Sitemap
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü