Die ehemalige Naumann-Mühle in Sehma. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die ehemalige Naumann-Mühle in Sehma.

1929 > 1929-01

Von Schuldirektor Mahn - Sehma.

Gesamtansicht der Naumann-Mühle

Gesamtansicht der Naumann-Mühle.  (Nach einer alten Photographie.)

Der an mich ergangenen freundlichen Aufforderung unseres Heimatblattes, zu dem Bilde "Die ehemalige Naumann-Mühle in Sehma" einige begleitende und aufklärende Worte zu schreiben, bin ich um so lieber nachgekommen, als ich von jeher eine besondere Vorliebe für die Poesie der ländlichen Mühle gehabt habe. Und ich weiß es: mit mir bedauert es so mancher Leser, daß nach und nach alle die kleinen Bachmühlen eingegangen sind. Sie sind aus unseren Tälern verschwunden, weil sie in dem Wettbewerb mit den Großmühlen nicht mehr bestehen konnten. Gewiß wird es auch Leser geben, die unser Bild achselzuckend betrachten: "Eine Mühle? Bloß eine Mühle?" Wer aber so sprechen kann, der hat allerdings keine Ahnung von der Bedeutungt, die die Mühlen für unsere Vrfahren hatten, der ist sich dessen nicht bewußt, daß der Müller neben dem Schmiede der erste Gewerbetreibende in unserem Orte war. In dieser alten Zeit gab es in unserer Heimat noch keinen Bäcker, und das Allernotwendigste, was wir für unseres Leibes Nahrung und Notdurft brauchen, das liebe Brot, wurde gleich in den Mühlen mit hergestellt. Mit vielen Mühlen war eine Bäckerei verbunden, und so mancher Alte besinnt sich noch darauf, einst als Kind "Mühlenbrot" gegessen zu haben.

Einen tiefen Einblick in die Bedeutung, die die Mühlen in früherer Zeit hatten, wie auch in die nicht geringe Wertschätzung, deren sich die Müller bei unseren Vorfahren erfreuten, gewährt uns ein Kartenwerk, das bald nach 1600 als Frucht einer Landesvermessung entstanden ist. Der Schöpfer dieses Kartenwerkes, das ich im Sinne habe, ist der bekannte Markscheider Matthias Oeder. Es ist interessant, worauf Matthias Oeder bei seiner Arbeit viel Wert gelegt hat: bei jedem Orte hat er mit geradezu peinlicher Genauigkeit die vorhandenen Mühlen eingezeichnet, und über die Namen der Besitzer wie auch über die Größe des Betriebes, die Zahl der Mahlgänge macht er die gewissenhaftesten Angaben - ein Beweis dafür, wie ungemein wichtig ihm die Mühlen erschienen sind. Auch unser Ort Sehma findet sich auf diesem Kartenwerke, und wir erfahren daraus, daß unsere Heimat schon damals die drei Mühlen besessen hat, die für das Landschaftsbild Sehmas in früherer Zeit charakteristisch sind. Es sind dies:

die obere Mühle, auch Hammermühle genannt.


Sie ist im dreißigjährigen Kriege - zur Schwedenzeit, am 21. Januar 1645 - durch Funkenflug in Brand geraten und völlig vernichtet worden. Sie scheint dann jahrelang wüste gelegen zu sein; denn erst 1651 hören wir, daß eine gewisse "Frau Hahnin, des Herrn Hannß Hahnens seelig nachgebliebene Wittbe zu St. Annabergk" ihre abgebrannte Mühle an einen gewissen Paul Keßmodel aus "Hermersdorf" (Hermannsdorf) verkauft hat. Die Stelle der oberen Mühle nimmt jetzt das Gut von Reinhard Heß, Ortsl.-Nr. 5, ein;

die mittlere oder Gemeindemühle.


In alten Schriften tritt sie uns auch manchmal als "Rothe Mühle" entgegen. Auch sie ist abgebrannt, aber erst in unseren Zeiten, im Morgengrauen des 7. Oktobers 1893, unter dem Besitzer Rudolf Küttner. An dieser Stelle steht heute die Fabrik "Hermann Sändig's Erben", Ortsl.-Nr. 95 und 29c;

die untere Mühle.


Unsere Einwohnerschaft kennt sie nur unter dem Namen der Naumann-Mühle. es ist die Mühle, die wir hier im Bilde sehen. In manchen alten Aktenstücken wird sie - entgegen aller Gepflogenheit - auch Gemeinde-Mühle genannt. Das mag daher kommen, daß im Jahre 1676, unter dem Erbrichter Johann Feig, der Besitzer der unteren Mühle, Paul Burckert die mittlere, also die eigentliche Gemeindemühle, übernimmt, während der Gemeinde die untere Mühle zufällt. Heute sehen wir dort, wo vor vier Jahrzehnten noch die Naumann-Mühle gestanden hat, die Fabrik der Firma Alban Scheufler, Ortsl.-Nr. 70b.

Diese drei Mühlen finden wir also auch auf der Oederschen Karte. Wir lesen da: "Simon Florers mül 2 geng (2 Gänge); Michel Mans mül 2 geng; Wolff Tischers mül 2 geng." Allzuviel anderes von Sehma, was wichtig wäre, finden wir auf dieser Karte gar nicht.

Etwa 100 Jahre später, 1712, da treffen wir

die drei Müller von Sehma in begreiflicher Erregung


an. Sie haben gemeinsam mit sämtlichen Müllern von Königswalde, dem Gemeindemüller von Cunersdorf und den Landfuhrleuten aus diesen beiden letzten Ortschaften den Kriegspfad beschritten und heftige Beschwerde bei der Regierung in Dresden geführt. Der Hauptgrund ihrer Klage sind die neuerbauten Mühlen bei Annaberg und "Beerenstein" (Bärenstein), die ihnen das Geschäft empfindlich schmälern, sowie auch der Einschleif von Getreide, Mehl und Brot aus Böhmen. Die ganze, volle Schale ihres Zornes aber gießen sie aus über

die "Sonntagische Mühle",


die etwa 1710 von "Annen Dorotheen Sonntagin, der Wittbe Christoph Sonntags", nahe bei Annaberg errichtet worden ist. Die Müller und Landfuhrleute führen in ihren Eingaben folgendes an - ich fasse den umfänglichen und umständlichen Schriftwechsel kurz zusammen: Wir armen, alten Erbmüller sind in schlimmer Lage. Wir haben seit "undenklichen Zeiten" das Recht, unser Brot auf den öffentlichen und ordentlichen Markt nach Annaberg zu bringen. Wir haben uns freilich dafür verpflichten müssen, diese Stadt in guten und bösen Tagen, insbesondere auch in Seuchenzeiten, mit Brot zu versorgen. Nun aber entziehen uns die neuen Mühlen, ganz besonders die Sonntagsche, alle Nahrung. So müssen wir unser Brot fast immer vom Markte wieder mit nach Hause nehmen. Schließlich werden wir das Backen noch ganz einstellen müssen. Die "Sonntagin" zieht eben alle Käufer an sich, indem sie das Brot 1 oder 2 Pfg. "wohlfeyler" abgibt. Dazu ist sie in der Lage; denn sie hat

  1. so gut wie keine "onera" (Lasten). Sie liegt auf der "Bergfreyheit", während unsere Mühlen mit allerhand schweren Abgaben und Zinsen beschwert sind.
 2. Die Sonntagin hantiert mit Paschern, sonderlich mit denen von Reischdorf, die unter Umgehung der ordentlichen Zollstraßen und Einnahmen das Getreide auf Schleichwegen einführen. Es pfeifen's schon die Spatzen von den Dächern, welcher Betrug allein bei der Einnahme von Schmalzgrube verübt wird. Diese paschenden Fuhrleute aus Böhmen können selbstverständlich das Getreide billiger abgeben als die unseren, die tatsächlich jetzt vor dem Ruin stehen.
 3. Die Sonntagin hält sich auch nicht an die Konzessionen, die ihr erstellt worden sind. Sie darf das Brot bloß auf den öffentlichen Markt bringen — genau wie wir. Was aber macht sie? Sie läßt es in die Häuser einschleppen! Noch mehr: sogar weißes Brot läßt sie von Haus zu Haus tragen, was nicht einmal dem zünftigen Bäcker gestattet ist. Zu "heiligen Zeiten" bäckt sie Kuchen und Stollen - und was dergleichen Uebergriffe noch mehr sind!

Kein Wunder, wenn sie alle "Nahrung", alles Geschäft an sich reißt! Von ihr wird — das können wir nicht oft genug sagen — das Mahlen und Backen so betrieben, daß nunmehr "wir umbliegenden alten Erbmühlen in grundt verderbt und sie allem ansehen nach gänzlich stehen lassen müssen". Das ist aber doch ganz gewiß nicht der Wille der Regierung, daß einem einzigen alles in die Hände gespielt wird. Der Bau dieser Mühlen hätte gar nicht gestattet werden dürfen! Es sind in unserer Gegend genug Mühlen vorhanden — gegen 40. Und wie oft haben sie schon den Besitzer gewechselt, sonderlich in Sehma und Königswalde! Es kann keiner mehr darauf bestehen. Wir gehen alle noch zugrunde.

Die beschwerdeführenden Müller und Landfuhrleute finden Bundesgenossen: so sehr hat sich die Sonntagin durch ihr rücksichtsloses Geschäftsgebaren verhaßt gemacht. Der erste ist

der Rat zu "St. Annabergk",


der sich als derzeitiger Besitzer der königl. und kurfürstl. Amts- und Herrenmühle (Kaufkontrakt von 1701) durch die Sonntagsche Mühle stark geschädigt fühlt. Er läßt sich also vernehmen: Die Sonntagin kann nicht genug mahlen, während unsere Mühle müßig stehen muß. Dabei muß schließlich das ganze Mühlen- und Bäckergewerbe "crepiren". Wir fordern "pristinum statum", d. h. den Zustand, wie er früher, vor Erbauung der neuen Mühlen, war.

Eine sehr geharnischte Eingabe machen auch "die sämbtlichen


Meister des Beckerhandwercks zu St. Annabergk".


Sie klagen: Uns "armen leuthen hat die Sonntagin das Brodt aus dem Maule genommen. Es fählt nicht viel, daß wir betteln gehen müssen". Sehr aufgeregt haben sie sich vor allem darüber, daß sich der Pächter der Sonntagschen Mühle auch noch seiner großen Einkünfte gerühmt hat.

Zur Untersuchung der Beschwerdegründe bestellt die Regierung in Dresden drei Kommissare: den Landkammerrat Heinrich Ehrenfried von Biesenroth in Zwickau, den Vize-Kreisamtmann Christian Ehrenfried Bock in Schwarzenberg und den Amtmann Christian Friedrich Hausen in Grünhain. Diese drei sollen insbesondere Erkundigungen darüber einziehen, mit welchen Konzessionen die neuen Mühlen ausgestattet sind, sollen auch den Getreide-Einschleif genau untersuchen und erwägen, wie dem allem am füglichsten abzuhelfen sei. Nach einem umfangreichen Briefwechsel zwischen den beteiligten Personen kommt es endlich zu einem Termine, der am 3. November 1712, vormittags "umb 9 Uhr",

im Erblehngerichte zu Königswalde,


auf der Ratsseite, stattfindet. Es muß eine ganz stattliche Versammlung gewesen sein; denn wir finden hier außer den Kommissaren und sämtlichen Beschwerdeführern — die Sache der Kläger wird von dem Königswalder Vize-Richter Johann Andreas Rebentisch vertreten — noch die Besitzer der neuen Mühlen wie auch die Einnehmer der verschiedenen Zollstellen, "allwo die Fuhrleute eigentlich zukommen und verzollen sollen". Von diesen Zolleinnehmern interessiert uns Sehmaer besonders der "Gleithseinnehmer auf dem Berghäußel" beim Bärenstein. Aus Sehma selbst sind zugegen: der Vize-Richter (Erbrichter) Christian Roscher, der Besitzer der oberen Mühle, Christoph Beyer, der der mittleren, Johann Michael Burckardt, und der der unteren, Samuel Francke. Während die Besitzer der neuen Mühlen ihre Konzessionen vorlegen müssen, haben die Inhaber der alten Erbmühlen an der Hand ihrer Kaufurkunden darzutun, "wodurch sie ein jus prohibenti, d. h. ein Recht des Verbots, wider die Erbauung neuer Mühlen und wider den Einschleif des Getreides, Mehles und Brotes aus Böhmen zu behaupten vermeynen". Besonders günstig sind die Cunersdorfer daran.


Der Katzenmüller


unterbreitet ein Schriftstück aus dem Jahre 1530, wonach sich der Abt Johannes von Grünhain dem damaligen Müller Gregor Stübner gegenüber verpflichtet, "daß an diesem waßer, alß weit sich unser gebiet und obrigkeit von der Sema hinab erstrecket, keine andere Kornmühle oder Mahlmühle ohne obgedachten Gregor Stübners und seiner Erben gunst, wißen und willen nicht soll angefangen noch auffgerichtet werden". Auf Grund solcher Urkunden können die Müller fordern, daß die neuen Mühlen entweder völlig kassiert oder doch wenigstens gezwungen werden, sich so zu verhalten, daß die "armen leuthe", das sind die alten Erbmüller, dabei auch zu leben vermögen. Was die Pascher anlagt, so sollen sie auf die ordentlichen Zollstraßen verwiesen werden. Wogegen sich die Beschwerdeführer noch besonders wenden, das ist die Gefahr einer abermaligen Verschleppung der ganzen Angelegenheit, wie es bereits im Jahre 1670 war. Ob die Sache auch diesmal im Sande verlaufen ist, das ist aus dem in Frage kommenden Aktenstücke leider nicht zu erkennen.

Abermals 100 Jahre später, reichlich 100 Jahre! Vor mir liegt ein anderes vergilbtes Papier. Es stammt aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die alten 3 Erbmühlen finden sich wiederum darin. Die obere Mühle nebst der dazu gehörigen 1/8 Hufe hat Adam Gottlieb Mann, die mittlere mit 3/8 Hufe Landes Carl August Glumann und die untere, die unser Bild zeigt, Johann Traugott Naumann. Vor 100 Jahren also schon ist ein Naumann in der Naumann-Mühle. er hat sie lt. Kaufurkunde im Jahre 1819 erworben.

Dem von Buchholz kommenden Beobachter zeigt sich

die Naumann-Mühle


schon damals im wesentlichen so, wie wir sie auf unserem Bilde sehen. Wir erblicken da zuerst das Hauptgebäude, in dem sich die Wohnung des Besitzers, die Mahlmühle und auch die Bäckerei befinden; denn die Mühle ist mit dem Rechte zum Schwarz- und Weißbacken ausgestattet. In dem nach Norden, also nach Buchholz zu gelegenen, an das Wohnhaus anstoßenden Bretterhause ist

die Schneidemühle


untergebracht. Die Konzession zur Errichtung einer solchen stammt aus dem Jahre 1791. Noch älter ist das Recht zur Anlegung einer

Oelmühle.


Hier kommt das Reskript vom 30. August 1759 in Betracht. die Oelmühle ist in demselben Bretterhause wie die Schneidemühle.

Rechts auf dem Bilde sehen wir die Scheune mit Stall und Schuppen. ein Stall ist notwendig für die mit der Mühle verbundene Landwirtschaft; denn zu der Mühle gehört 1/8 Hufe Land. In dem Stalle steht eine stattliche Zahl von Rindern und Ochsen, und auch Pferde sind vorhanden, in guten Zeiten 6, sonst 4. Mit diesen fährt der Müller, begleitet von 1 oder 2 Mühlburschen jedes Jahr wenigstens einmal hinein ins fruchtbare Böhmerland, vielleicht in die Gegend von Kaaden, manchmal sogar bis hinunter nach Mähren, um bei den Landwirten Getreide einzukaufen, hier 3, dort 4 Zentner. Oft erst nach Wochen kehrt er wieder zurück. Dabei benutzt er einen Weg, der gleich hinter der Mühle ostwärts führt, nach der "Morgensonne" zu, einen Weg, der heute nicht mehr besteht. Auf diesem kommen auch die schwerbeladenen Holzgeschirre gefahren, wiederum aus Böhmen, wo der Naumann-Müller zuweilen ganze Wälder aufgekauft hat für seine Schneidemühle, die Bauunternehmer und Tischler mit dem nötigen Holze versorgt. So ist in der Mühle ein fortwährendes Kommen und Gehen.

Dann und wann kehren auch Leute hier ein, von denen wir heute auch nichts mehr wissen: es sind die Schlackenwerther Karpfenfuhrleute. Sie machen sich an dem großen Wasserbottich zu schaffen, der sich auf der Nordseite der Scheune befindet. Wie sie da wieder munter und lebendig werden, die erschöpften Wassertiere, in dem kühlen Wasser des Bottichs! Wasser ist nun einmal ihr Element!

(Schluß folgt.)


Nr. 1 v. 6. Januar 1929



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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang, Nr. 1, 6. Januar 1929, S. 1

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