Der "Pöhlbergring". - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Der "Pöhlbergring".

Fast genau auf den Tag vor einem Jahr, am 9. Juli 1932, veröffentlichten wir im T. A. W. den ersten Aufsatz über den Pöhlbergring von Regierungsbaumeister Bethge, Annaberg. Alle sächsischen Großstadtzeitungen nahmen den Gedanken auf und brachten Abhandlungen über den "Nürburgring von Sachsen". Die Stadt Annaberg, die sich schon vordem mit dem Projekt befaßt hatte, hat im Laufe des letzten Jahres überaus wertvolle Vorarbeiten geleistet und nichts unversucht gelassen, die zuständigen Landesstellen für diese für das gesamte Obererzgebirge so wertvolle Anlage zu interessieren. Ein gewaltiges Stück vorwärts getrieben wurde die Angelegenheit durch die Initiative der NSDAP, sodaß vor wenigen Tagen, am 23. Juni 1933, eine Besichtigung des Geländes durch Staatskommissar Kunz-Dresden stattfinden konnte. Bei dieser Gelegenheit trat auch der Vertreter der Sächsischen Auto-Union A.-G., v. Oertzen, sehr warm für die vorliegende Planung ein und hob hervor, wie wichtig es sei, daß eine Versuchsstrecke gerade am Pöhlberg geschaffen werden sollte, die für die Automobilfabriken am günstigsten gelegen sei, während das Hohensteinprojekt für sie durch die große Anfahrtsstrecke nicht in Frage kommen könnte.

Anläßlich der 2. obererzgebirgischen 8-Bergefahrt haben wir Stadtbaudirektor Kühn, Annaberg, gebeten, uns für das I. E. S. eine Zusammenfassung über den Wert der Anlage für Annaberg und das Obererzgebirge und einige die Allgemeinheit interessierende Einzelheiten zu geben, die wir hier folgen lassen:

Seit vielen Jahren plant die Stadt die Errichtung einer Auto-Schnell- und Zuverlässigkeitsbahn für Automobile und Krafträder am Südhange des Pöhlberges bei Annaberg, ein volkswirtschaftlich außerordentlich wertvolles Projekt, das mangels eigener Mittel bisher noch nicht durchgeführt werden konnte. Heute werden durch die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Reichsregierung die Vorbedingungen geschaffen, die Verfolgung des Projektes mit aller Energie wieder aufzunehmen und so zu fördern, daß der Bau der Bahn in kurzer Zeit mit in das große Arbeitsbeschaffungsprogramm eingegliedert wird. Hunderte wenn nicht tausende schwer bedrängter Arbeisloser unseres erzgebirgischen Notgebietes würden damit der täglichen Sorge um Arbeit und Brot enthoben. Mit diesem Projekt wird die sächsische Wirtschaft und der sächsische Verkehr ungeheuer belebt, ja für das ausgesprochene Notgebiet des gesamten oberen Erzgebirges wird eine ganz neue und glücklichere Epoche eingeleitet.

Dieses Projekt bedeutet eine Verkehrswerbung für ganz Sachsen und speziell für das Erzgebirge, von dessen großer Schönheit leider noch ungezählte Massen eigener Landsleute keine rechte Ahnung haben.
Pöhlbergring bei Annaberg.
Panorama-Aufnahme des für den Pöhlbergring in Aussicht genommenen Geländes vom Rundgang des Pöhlberges aus gesehen. Diese übersichtliche Aufnahme unseres T. A. W.-Photodienstes zeigt überaus anschaulich den guten und vollständigen Ueberblick über die ganze Rennstrecke, die durch Einzeichnung der weißen Linie dargestellt wird.
Bei der hochentwickelten Automobilindustrie in Deutschland wird eine solche Bahn im Herzen des Reiches gelegen neben anderen Rennbahnen im äußersten Westen und Norden immer und leicht bestehen. Ja, die zentrale Lage Annabergs, ein selten gut ausgebautes Zugangsnetz von guten Staatsstraßen sind ein nicht zu unterschätzender großer Vorzug dieser neuen Anlage. In einem Kreis von 125 Klm. sind fast alle sächsischen Orte enthalten und in einem solchen von 250 Klm. fast alle bedeutenden Großstädte Deutschlands einschließlich der großen böhmischen Bäder.

Die vorzügliche Lage dieser Bahn ist selbstverständlich ein Garant dafür, daß das Projekt auf die Dauer rentabel sein wird. Diese kurzen Entfernungen zu den mitteldeutschen Großstädten gestatten dem Sportpublikum den Besuch noch als Tagestour oder Wochenendfahrt zu unternehmen. Das außerordentlich dicht besiedelte Sachsen mit seinen zum Projekt günstig gelegenen Industrie-Großstädten wird immer die Massen der hunderttausende zu jeder Zeit motorsportlich interessierten Kreise als sicheres Stammpublikum liefern.

Die sportliche Seite des Projektes zeigte Vorteile auf, die keine Rennbahn in Deutschland, ja Europa, je nachweisen kann. Der Pöhlbergring wird die Spezial-Rennstrecke Mitteldeutschlands, deren Notwendigkeit vom sportlichen Standpunkte aus zweifellos besteht. Es gibt in Deutschland bis heute nur eine von den öffentlichen Verkehrsstraßen unabhängige Renn- und Prüfungsstrecke in schwierigem Gelände, nämlich den Nürburgring im Eifelgebiet, der von der großen interessierten deutschen Bevölkerung wegen seiner Abseitslage nicht voll ausgewertet werden kann.

Das Gelände am Südwesthange des Pöhlberges ist für die Anlage einer Rennstrecke außerordentlich gut geeignet. Alle neuzeitlichen Anforderungen an eine derartige Prüfungsstrecke können erfüllt werden. Die Linienführung wird so gestaltet, daß selbstverständlich alle notwendigen starken Steigungen und scharfen Kurven in den Rennkurs eingebaut werden. Dieses Gelände besitzt den eminenten Vorteil, daß die gesamte Strecke von den Haupttribünen und den Zuschaueranlagen für die großen Massen in vollem Umfange übersehen werden kann. Jeder Zuschauer ist in der Lage, alle Phasen eines Rennens und den äußerst spannenden und interessanten Verlauf von seinem Platz aus zu verfolgen. Mit dieser Anlage würde daher der deutsche Kraftfahrsportbetrieb eine außerordentliche Bereicherung erfahren, und wie oben angeführt, in vieler Hinsicht sogar eine ausgesprochene Ausnahmestellung für sich in Anspruch nehmen können.

Die Rennbahn wird 7 bis 8 Klm. lang sein und vereinigt eine 3 Klm.-Strecke speziell für Motorräder und eine 6 Klm. lange Rennbahn ohne große Prüfungsschwierigkeiten. Die ganze Rennstrecke zusammengenommen soll aber so ausgebaut sein, daß sie allen Ansprüchen, die auch bei großen internationalen Rennen gestellt werden, genügt. Die Fahrbahn soll 12 bis 15 Meter breit werden. Die Steigungen werden bis zu 25 Proz. betragen und die Gefälle sollen nicht stärker als 12 Proz. werden. An Nebenanlagen sind im Projekt enthalten: Tribünenbauten, Startzielhaus, Rennfahrerlager, Tankstellen, Garagen usw. Die Rennbahn ist als Rundstreckenanlage in sich vollständig geschlossen und enthält keinerlei für den sonstigen allgemeinen Fahrverkehr benutzte Strecken.

Die Eigenart des Pöhlberggeländes bietet außerdem den Vorteil, daß die gesamten Zuschauermassen in vollem Umfange finanziell erfaßt werden können, d. h. daß alle Leute, die das Rennen sehen wollen, Eintritt bezahlen müssen und damit das finanzielle Ergebnis aller Rennveranstaltungen sicher stellen. Die genauen Zahlen für das Projekt sind noch nicht errechnet. Eine überschlägige Finanzierung, die mit großer Vorsicht aufgestellt wurde, zeigt heute schon, daß mit dem Ausgleich der Ausgaben und Einnahmen die Verwirklichung des Projektes durchaus möglich ist und daß eine Durchführung dieser Rennbahn im Zuge des großen Arbeitsbeschaffungsprogramms Anlagewerte erzeugt, die, volkswirtschaftlich gesehen, rentabel bleiben.

Zusammenfassend soll noch einmal die Reihe der großen Vorzüge dieses Projektes aufgezeigt werden, nämlich:
  1. glänzende Zu- und Abfahrtmöglichkeiten,
  2. günstige allgemeine zentrale Lage im dicht besiedelten Mitteldeutschland,
  3. Uebersichtlichkeit der ganzen Bahn von allen Zuschauerplätzen aus,
  4. geringe Länge der ganzen Bahn mit entsprechend niedrigen Herstellungskosten,
  5. Finanzielle Erfassung aller Rennbesucher.

Eine Förderung dieses Projektes ist daher im allseitigen Interesse erforderlich. Die Vorarbeiten für das Projekt werden mit großer Energie soweit getrieben, daß mit Unterstützung und Hilfe alle interessierten Kreise der Bau der Bahn schon nächstes Jahr durchgeführt werden kann.
Staatskommissar Kunz (vordere Reihe dritter von links) mit dem Rat der Stadt Annaberg, Vertretern der Staatsregierung, der Kreisleitung der NSDAP, der Stadt- und Landbehörden, der NSKK, der Industrie usw. nach Besichtigung der geplanten Pöhlbergring-Strecke vor dem Unterkunftshaus auf dem Pöhlberg. (T. A. W.-Photodienst.)
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Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 27, 2. Juli 1933, S. 1

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