Bornkindl-Figuren des oberen Erzgebirges. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Bornkindl-Figuren des oberen Erzgebirges.

1934 > 1934-51
Horst Henschel-Schwarzenberg.

Das Erzgebirgsmuseum in Annaberg zeigt u. a. drei Holzplastiken, die nach Angabe des i. J. 1909 gesdruckten Führers aus der Kirche zu Drebach bei Wolkenstein stammen. Eine der Figuren stellt ein Bornkindl dar.
Drebacher Bornkindl
Das Drebacher Bornkindl
aus dem Annaberger Erzgebirgsmuseum.
(T.A.W.-Photodienst.)
Der Sinn und die Verwendung der Bornkindl-Figuren ist heute selbst im Erzgebirge nicht mehr allenthalben bekannt, obwohl im letzten Jahrzehnt hie und da Bornkindl-Figuren wieder in Gebrauch gekommen sind.

Die Bornkindl-Figuren versinnbildlichen das Christkind, das geborene Kindl (im Sinne des Lutherliedes "Euch ist ein Kindlein heut geborn"). Sie werden allweihnachtlich anstelle des Kruzifixes auf dem Altar der Kirche aufgestellt und gewöhnlich zu Hohneujahr (6. Januar) wieder weggenommen. Die Bornkindl-Figuren sind auf Sockel befestigt und im allgemeinen bekleidet. In der linken Hand hält das Christkind den Reichsapfel mit Kreuz, was in der mittelalterlichen Symbolik die Erlösung von der Erbsünde bedeutet. Die rechte Hand ist zum Segnen erhoben. Manchmal trägt es auch eine Krone auf dem Haupt.

Solche Bornkindl als Altarfiguren sind noch bezw. wieder in Gebrauch in Bärenwalde, Elterlein, Forchheim, Grünstädtel, Hirschfeld, Irfersgrün, Schwarzenberg, Thierfeld, Zschorlau und Zwönitz. Erhalten, aber nicht mehr verwendet werden die Bornkindl aus Drebach, Kamenz, Penig (das z. Zt. in der Deutschen Krippenschau in Aue ausgestellt ist), Plauen und Zwickau.
Elterleiner Bornkindl
Das Elterleiner Bornkindl.
(Photo: Gründel-Elterlein.)
Verloren gegangen sind die Bornkindl aus Annaberg, Aue, Buchholz, Geyer, Johanngeorgenstadt, Lößnitz, Schneeberg u. a. Wahrscheinlich gab es überall da, wo Christmetten gefeiert wurden, auch Bornkindl-Figuren.

Das Annaberger Bornkindl erwähnt der Annaberger Superintendent Andreas Kunad in einem Schreiben vom Jahre 1712 an die oberste Kirchenbehörde. Kunad hatte damals von sämtlichen Pfarrern seiner Ephorie Berichte über etwaige Mißstände in den Mettenfeiern eingefordert. In der Eingabe an die Kirchenbehörde kommt Kunad auf den Bericht des Johanngeorgenstädter Pfarrers zu sprechen:

"... Ferner gedenket er der Aussetzung des sogenannten Christkindleins an Weynachten, da man, wie hier in Annaberg, ein höltzernes Bild in Gestalt eines kleinen Kindgens mit einem Zerchen Hemdgen angetan auf den Altar setzet, bey welchem sich in der Vesper die kleinen Kinder mit Hauffen einfinden und es ansehen, auch teils von Eltern angewiesen werden, sie solten in die Kirche gehen, das Christkindlein zu sehen. Ich kann nicht leugnen, daß, als ich anhero ins Gebürge gekommen, mich höchst verwundert, daß die Leute häuffig unter der Vesper an den Altar, wo sonst die Prediger stehen, getreten und das Bild betrachtet ..."

Dieser Bericht, der uns vom Annaberger und Johanngeorgenstädter Bornkindl Kunde gibt, vermittelt uns gleichzeitig ein interessantes Bild vom damaligen Bornkindl-Brauch, der, wie wir hörten, Anlaß zu Beanstandungen gegeben hatte. Wahrscheinlich verfügte damals die oberste Kirchenbehörde, daß die Bornkindl-Figuren der Annaberger und Johanngeorgenstädter Kirche aus dem Gottesdienst zu entfernen seien. Wo mögen sie hingekommen sein?

Das Buchholzer Bornkindl war noch 1875 vorhanden. Mehrere heut noch lebende Buchholzer können sich auf diese Figur besinnen. Damals stand sie in einem Schränkchen, das sich neben dem Aufgange zum Kirchenboden befand, der aber durch den Umbau des Kirchturmes 1875/76 verschwunden ist. Die Figur war in Lebensgröße eines Kindes, mit einer Seidengewandung und einem Spitzenhäubchen angetan, beides zwar verblaßt, staubig und zerschlissen in der Länge der Zeit, aber trotzdem überaus schön und höchst verehrungswürdig. Sicher war die Figur damals längst nicht mehr in Gebrauch, vielleicht schon so lange, daß man gar nicht mehr wußte, was diese Holzpuppe zu bedeuten hatte. Sonst wäre es m. E. nicht möglich gewesen, daß man damals neben manchen anderen Figuren aus der Rumpelkammer des Kirchenbodens auch das Bornkindl mit ausgeräumt hat. Wie mir Augenzeugen berichteten, sei das "ganze Zeug aus der Kirche herausgeschafft worden. Wer Interesse daran fand, konnte und durfte sich davon nehmen." Ich vermute, daß das Buchholzer Bornkindl auf diese Weise in Privatbesitz gekommen ist. Wo mag es heute stehen?

Das Geyersche Bornkindl erwähnt Johannes Falke in seiner Geschichte der Bergstadt Geyer (1866). Es wurde im Jahre 1657 von Frau Maria Thrainerin der Kirche gestiftet. Und nun zum Drebacher Bornkindl.

Der Dresdner Kunsthistoriker Dr. W. Hentschel schreibt über die Figur:

"... ihre Arme sind beweglich eingerichtet, um die Bekleidung der Figur zu erleichtern. Der Verlust der Kleider, das Abblättern der Fleischfarbe und die argen Verwüstungen des Holzwurmes machen die von Haus aus nicht bedeutende Gestalt recht unscheinbar. Soweit die primitiven Formen ein Urteil erlauben, darf man annehmen, daß die Entstehung ziemlich spät liegt, wohl erst im 18. Jahrhundert, als die bodenständige Kunst der Erzgebirgsstädte fast gänzlich zum Erliegen gekommen war. Vielleicht ist der Schöpfer jener Tischler und Bildhauer Gottfried Ullrich in Zwönitz, der erst 1748 starb und der z. B. Figuren in Gornsdorf, also ganz in der Nähe von Drebach, schuf."

Es lohnte sich, einmal in den alten Kirchenrechnungen oder Inventarien nachzublättern, ob nicht irgend welche Angaben über die Figur zu finden sind und die Geschichte des Drebacher Bornkindls aufhellen.

In vereinzelten Gemeinden unserer Erzgebirgsheimat ist es Sitte, auch daheim — neben dem Bergmann, dem Lichterengel, dem Räuchermann und Türken — ein Bornkindl im weihnachtlichen Lichterglanz erstrahlen zu lassen. Solche Bornkindl als Lichtträger gab es noch vor einigen Jahrzehnten in Rittersgrün (bei Schwarzenberg) und sind heute noch in Mittweida-Markersbach in Gebrauch. Bestimmt sind sie auch in anderen Orten des oberen Erzgebirges zu finden. In Mittweida-Markersbach herrscht der Brauch nachweislich schon über 70 Jahre.

Diese Art Bornkindl unterscheiden sich vom Altar-Bornkindl nur dadurch, daß beide Arme erhoben sind und einen mit Kerzen besteckten Bogen halten. Während Bergmann, Weihnachtsengel, Türk und Räuchermann bereits vom Andreasabend an dieFenster erleuchten, wird das Bornkindl sinngemäß erst am Weihnachtsheiligabend aufgestellt.

Das Vorbild für diese Fensterpuppen lieferten die Kirchen-Bornkindl, die wir oben kennen lernten und alles alte, künstlerisch und kunstgeschichtlich wertvolle, erzgebirgische Holzplastiken sind. Einst bildeten die Altar-Bornkindl den Mittelpunkt des erzgebirgischen Weihnachts-Mettengottesdienstes, aus dem sie im 18. und 19. Jahrhundert auf Anordnung der obersten Kirchenbehörde in den meisten Gemeinden verdrängt wurden. Da der Erzgebirger aber sehr an der Bornkindl-Figur hing und sie nicht missen wollte, mag der Brauch aufgekommen sein, daheim ein Bornkindl aufzustellen.

Während man den Altar-Bornkindlfiguren sofort ansieht, daß sie von Künstlerhänden geschaffen wurden, sind unter den Haus-Bornkindlfiguren mitunter leider recht verkitschte Darstellungen, die von der Symbolik der ursprünglichen Bornkindl-Figuren nicht den leisesten Schimmer haben. Es droht hier ein alter, sinniger Brauch zu verflachen und zu einer geschmacklosen Spielerei auszuarten. Das kann und möchte verhütet werden!

Ich rufe die Schnitzer unserer Berge auf, nehmt Euch einmal der Bornkindl-Figuren an! Es gilt, eine lange Zeit brach gelegenes Arbeitsfeld der Vergessenheit zu entreißen: die erzgebirgische Bornkindl-Schnitzerei!

Mögen da, wo einst nüchterner Nationalismus die Bornkindl-Figuren aus den Weihnachtsmetten vertrieben hat, recht bald wieder neue Bornkindl auf dem Altar prangen! Und möge sich künftig in noch recht vielen Stuben dem Weihnachtsengel, Bergmann, Türk und Räuchermann zum Weihnachtsheiligabend auch ein Bornkindl zugesellen!

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 51 v. 16. Dezember 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 128. Jahrgang, Nr. 51, 16. Dezember 1934, S. 1

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