Blick in die Zeit vor vierzig Jahren. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Blick in die Zeit vor vierzig Jahren.

1934 > 1934-47
Die Farbegasse von Alt-Annaberg.

Unweit vom Zentrum der Stadt und nur wenige Schritte seitab und bergauf von der Wolkensteiner Straße finden wir ein Stück Alt-Annaberg mit einer Reihe von kleinen Häuschen, die mit dem wuchtigen Bau der St. Annenkirche im Hintergrunde schon oft auf die Leinwand des Kunstmalers und auf die photographische Platte des Lichtbildners gebannt worden sind. Wir meinen die vielen wohlbekannte Farbegasse zwischen den Sommerleiten und dem Mandelberg.
Annaberg, Farbegasse im Jahre 1894
Die Farbegasse in Annaberg im  Jahre 1894.
(Photo: Albin Meiche, Annaberg.)
Der Name "Farbegasse" ist eigentlich nicht ganz richtig und müßte dieser Straßenzug eigentlich "Färbereigasse" heißen; denn die Bezeichnung "Farbegasse" geht auf das Jahr 1879 zurück, und zwar wegen einer ehemals hier lange Zeit betriebenen Seidenfärberei in den Hause Nr. 2 an der Ecke der Mandelgasse (bis zuletzt im Besitz von Franz Mazeck).

Wir haben an dieser Farbegasse Häuser vor uns, die fast alle dort durchweg 330 Jahre als sind, seit sie bei dem großen Stadtbrand vom 27. April 1604 in Schutt und Asche gelegen, jedoch schnell wieder aufgebaut waren. Wie durch ein Wunder sind sie dann bei dem letzten Stadtbrand am 18. März 1837 trotz ihrer Schindeldächer ebenso wie die hölzernen Häuser an den Kartengassen von den Flammen verschont geblieben. Von älteren Leuten wird erzählt, daß man dies dem sogenannten "Feuerreiter" zugeschrieben habe, der seinerzeit auf weißem Schimmel durch die Straßen geritten sei und die Feuerlohe ablenkte.

So unscheinbar diese "kleinen alten Häuser inmitten der Stadt" aussehen, so können sie uns doch viel erzählen, und wer hier sein Geburtshaus sieht, wird sich gewiß gern der sonnigen Kindheit erinnern, die er hier verlebte. Versetzen wir uns nun einmal im Geiste 40 Jahre zurück in die Zeit, wie unser Bild die Farbegasse von anno 1894 zeigt.

Da steht noch vorn mitten auf der Großen Sommerleite der Brunnen, aus dem Großmutter und Urgroßmutter das Wasser holten, als es noch keine Wasserleitung gab. Links ganz zuerst haben wir das Felber-Haus Nr. 10, dessen Schindeldach sich noch lange Zeit erhalten hatte und das wohl eines der letzten Schindeldächer von Annaberg war. Zur Zeit unseres Bildes gehörte das Grundstück der Witwe Konkordie Nestler, von der es um 1900 der Schuhmachermeister Wnzl Felber erworben hatte. Das altertümliche Haustor (hinter dem Brunnen sichtbar) mit seinem Wölbbogen und seinen steinernen Sitzbänken zur Rechten und Linken ist leider nicht mehr. Man hat diese Tür zugemauert und den Eingang zum Haus nach der Sommerleitenseite verlegt. Anstelle des gemauerten Auftrittes, der für alle Häuser an der Farbegasse charakteristisch ist, wurde ein Vorgärtchen angelegt. Heute bedeckt das Haus ein Schwarzblechdach. Ein solches hat auch das nächste Haus Nr. 8, das Posamentier Störzel-Haus, das sich seit vielen Jahrzehnten im Störzel'schen Familienbesitz befindet. Bemerkenswert ist hier die hohe Haustüre mit dem Treppenaufgang. Das folgende Grundstück Nr. 6 ist das alte Zschocke-Haus, ehemals der Johanne Christiane Zschocke, dann von etwa 1906 ab dem Tischler Otto Werner und später dann Paul Werner gehörig.

Nun folgt das ortsgeschichtlich interessanteste Haus der Farbegasse Nr. 4 (alte Hausnummer 254). Hier in diesem Gebäude befand sich ehemals die Gastwirtschaft "Zur grünen Fichte", dessen Besitzer um 1890 Friedrich Robert Buschmann war. Die Restauration wurde dann von der Witwe desselben kurze Zeit weitergeführt, und um 1894 (zur Zeit unseres Bildes) war Richard Schneider der Wirt, der der letzte der "Grünen Fichte" war. Seit Ende der 90er Jahre besteht das Lokal nicht mehr. Hierbei sei bemerkt, daß in dichter Nähe ehemals noch eine Reihe von Restaurationen bestanden, die heute nicht mehr sind: Gleich um die Ecke war das Restaurant "Zum Kamerad" an der Mandelgasse Nr. 9 (der Wirt um 1895 hieß Paulus Fischer), im Hause Kleine Kartengasse Nr. 5 (jetziges Omar-Grundstück) befand sich der "Bierkeller" mit Wilhelm Tauchmann, an der Großen Kartengasse Nr. 16 war die "Börse" (Eduar Kunz) und an der Kleinen Sommerleiten-Ecke, Farbegasse Nr. 12 bestand "Ullrichs Restaurant".

Zur Zeit unseres Bildes trug das Buschmann'sche Restaurationsgebäude ebenfalls noch ein Schindeldach. Als bemerkenswertes bauliches Denkmal früherer Zeit hat sich das Haus sein altes steinernes Rundbogentor erhalten, wie wir es noch ähnlich am alten Zickler-Haus Johannisgasse 13, am Wiederänders-Haus Fleischergasse 12 und am ehemaligen Kraut & Rudolph-, jetzigen Weinhold-Haus Kleine Kartengasse 7 vorfinden. Über der Haustüre bemerken wir eine Nische in der Mauer, in der ehemals ein Heiligenbild gestanden haben soll. Etwa im Jahre 1902 erwarb dieses Haus Farbegasse 4 der Fleischer Bernhard Schlagk. Nach den Schlagk'schen Erben folgt als Besitzer der Schlosser Johann Brandmeier.

Wenden wir uns dem letzten Haus Nr. 2 an der Farbegasse zu, das an der Ecke der Mandelgasse steht. Es ist die bereits in Verbindung des Namens "Farbegasse" eingangs erwähnte "Seidenfärberei von Franz Mazeck", deren Firma in großen Buchstaben am Hause stand. 1914 ging das Grundstück in den Besitz von Emil Lang über.

Rechts vorn auf unserem Bilde steht als alter Fachwerksbau mit hölzernem Giebel das Tappert-Haus Farbegasse Nr. 7 (früher Nr. 304). Es gehörte um 1890 noch dem Posamentenverleger Karl Gustav Albert Zahn, von dem es Hermann Tappert erwarb. Der Ausdruck "kleines Häuschen" besteht hier nicht ganz zu Recht; denn 1894 beherbergte das Haus 11 Mietparteien. Es ist in neuerer Zeit völlig umgebaut worden. Durch einen Garten getrennt, erblicken wir einen Teil vom Bäcker Hallig-Haus Farbegasse Nr. 3 (die Hausnummer 5 fällt aus). Der seinerzeitige Bäckermeister Gustav Hallig war auch ein tüchtiger Bauer. Das Ochsengespann auf unserem Bilde gehörte zur Hallig'schen Landwirtschaft.

Wollen wir die Beschreibung der Farbegasse vollständig gestalten, so müssen wir noch das Haus Nr. 1 erwähnen, das auf unserem Bilde nicht mit sichtbar ist und sich an das Hallig-Haus anschließt. Es handelt sich um das alte ehemalige Pilz-Haus, jetzt der Witwe Walther gehörig. Vor 40 Jahren (1894) betrieb hier Karl August Pilz eine Materialwarenhandlung, und 1881 wurde hier die Pilz'sche Klempnerei gegründet. Nachbesitzer des Grundstückes nach Pilz waren Bruno Nötzel, Richard Meyer, Albin Wiltzsch, abermals Richard Meyer und dann Anton Walther.

Ganz unten erblicken wir mit seinem hohen, hölzernen Giebel das Glaser Kreher-Haus, Mandelgasse Nr. 4 (242). Nicht unerwähnt soll bleiben, daß die Farbegasse aufwärts nicht bei der Großen Sommerleite Halt macht, sondern über diese hinweg sich bis zur Kleinen Sommerleite zieht und daß zu diesem oberen Teil der Farbegasse die Häuser Nr. 9 (Meyer) und Nr. 12 (Bretschneider, vormaliges "Ullrichs Restaurant") gehören. — Viel Annaberger Familien- und Ortsgeschichte ist also mit unserem "Blick in die Zeit vor vierzig Jahren" lebendig geworden!
F. K.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 47 v. 18. November 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 128. Jahrgang, Nr. 47, 18. November 1934, S. 1

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