Annabergs Elend am Ende des dreißigjährigen Krieges - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Annabergs Elend am Ende des dreißigjährigen Krieges

1932 > Nr. 3/1932

Wie die Einwohner dragsaliert und ausgesogen wurden

Am 26. November 1648 wurde in Annaberg der einen Monat zuvor am 24. Oktober zu Osnabrück und Münster geschlossene Westfälische Frieden durch eine Feierlichkeit festlich begangen. Ueber den Verlauf dieser Friedensfeier ist uns nichts Näheres bekannt, wohl aber ersehen wir aus den Aufzeichnungen des Annaberger Rektors Georg Arnold und des Scheibenberger Pfarrers Christian Lehmann - von denen der erstere uns eine Ortschronik und der letztere seine Deutsche Kriegschronik hinterlassen hat - mit größter Deutlichkeit, welche Drangsale und welches Elend jener große Krieg, der nach dreißigjähriger Dauer sein Ende gefunden, über Annaberg und das Obererzgebirge gebracht hatte. Wir dürfen den beiden Schriftstellern um so mehr Glauben schenken, als sie doch Augenzeugen und Zeitgenossen jener von ihnen geschilderten Begebenheiten waren. Wenn wir ihre Darstellungen uns im Geiste vergegenwärtigen, so können wir gar wohl ermessen, mit welchen Dankgefühlen im Herzen jene Friedensfeier von unseren Altvorderen begangen worden sein mag. Leben wir doch selbst noch unter den Auswirkungen des Weltkrieges, wenn die Heimat auch von den Verwüstungen des Krieges verschont blieb und der Bewohnerschaft der Druck einer Feindbesatzung erspart geblieben ist.

Vergebens suchen wir in den Archiven der Stadt nach einer Kunde aus jenen Tagen. Diese Erfolglosigkeit aber wird leich erklärlich durch die Schäden, welche die verheerenden Stadtbrände von 1630, 1664 und 1731 unter den Aktenbeständen der Behörden anrichteten. Unter solchen Umständen ist von um so größerer Wichtigkeit das Vorhandensein eines einzelnen Aktenbogens vom 29. Mai 1648 mit der Bezeichnung: "Specialia gravamina der Stadt St. Annabergk"; der ungefähre Wortlaut seines Inhalts dürfte allgemeiner Beachtung wert sein und möge deshalb hier folgen:

Obwohl Elend und Bedrängnis, in denen die Stadt St. Annaberg lange Zeit gesteckt, zu beschreiben fast unmöglich sind, so hat man doch etlicher wenigen derselben zu gedenken nicht Abstand nehmen können. So ist bekannt:

  1. daß die Stadt zwei Mal aus Gottes gerechter Strafe fast gänzlich eingeäschert und die Einwohner zu blutarmen Leuten gemacht hat, auch, daß dem zweiten im Novembri Anno 1630 stattgefundenen Brande das unselige Kriegswesen auf dem Fuße folgte und die Bürgerschaft durch vielseitige feindliche Einfälle, Plünderungen und Kontributionen, vielfache Durchzüge und Stillager, besonders aber durch die vielfachen kostspieligen Einquartierungen sowohl von Freundes- als auch Feindesvölkern in das äußerste Verderben, Armut und Unvermögen gesetzt worden;

  2. daß die Stadt jetzt abermals im 3. Jahr mit schwerem Quartier, dem Stab und zwei Kompanien zu Roß von der Churfl. S. Leib-Schwadron belegt ist;

  3. Und obwohl man täglich Linderung erhofft hat, dennoch die Zahl an Reitern und Knechten sich von Tag zu Tag mehrt und man fast jedem Knecht und Jungen ein besonderes Quartier geben muß, während die Zahl der Einwohner täglich abnimmt, wodurch die Quartier- und Verpfleglast je länger desto schwerer und unerträglicher wird;

  4. Nichts minder bleibt die überaus hohe Kopf- und Erwerbsteuer, welche man zwar der Kurfürstl. Verordnung gemäß ausschreibt, gegen die aber gleich anfangs protestiert wurde;

  5. Und weil durch Einquartierung von der Stadt 15000 Taler allein an barem Gelde aufgewendet wurden, wodurch sowohl der Rat, als auch die Bürgerschaft außerordentlich verschuldet sind, künftig aber ein solches Quantum zu erheben weder einem noch dem anderen wegen äußersten Unvermögens zugemutet werden kann, etwas zu erborgen unmöglich ist, der größte Teil der Bürgerschaft alles stehen und liegen lassen und mit leeren Händen würde davongehen müssen; - So wagen wir zu bitten, Churfürstl. Gn. solche Unmöglichkeit und Unvermögen doch gnädigst und landesväterlich zu beherzigen und dieses übermäßige und fernerhin unerträgliche monatliche Quantum auf ein leidliches und erträgliches herabzusetzen;

  6. Weil durch die übermäßig starke Einquartierung der armen Bürgerschaft, der ohnedies in dem Feuer die meisten Möbel pp. verdorben, ihre übrigen wenigen Betten und weißes Geräte von den einquartierten Soldaten abgerissen, kann diese denselben unmöglich anderes und neues bieten;

Trotz vielfältiger Anordnungen will sich niemand mehr zu einigem Ersatz verstehen.

Wenn auch die vorstehenden Darlegungen des Rates in der Hauptsache nur als Gründe für ein Gesuch an die Landesregierung um Milderung der drückenden Quartierlast anzusprechen sind, so verspürt der aufmerksame Leser doch aus den Schilderungen, welch gerütteltes Maß von Verarmung und Verelendung der Bevölkerung aus ihnen spricht. Dreißig Jahre hatte die Kriegsfurie gewütet und siebzehn Jahre waren verflossen, seitdem Kriegstruppen von Freund und Feind die Stadt und Umgegend brandschatzten und plünderten. Am 25. Januar 1648 hatte bei Thum das letzte Reitergefecht stattgefunden; im Oktober wurde - wie bereits erwähnt - der Frieden geschlossen, aber da erst am 25. Juni 1650 die kursächsische Soldateska unter Wachtmeister Rudolf von Neitschütz Annaberg verließ, nachdem sie 4 Jahre 41 Wochen die Bürgerschaft belästigt hatte, so können wir annehmen, daß das Gesuch nur geringen Erfolg gezeitigt haben mag.

Im nächsten Gefolge des verheerenden Krieges (schreibt Max Grohmann) finden wir vor allem die schleichende, mordende Pest, die Tausende dahinraffte. Lange hat das ganze Gebirge noch die schrecklichen Zeiten in ihren mannigfaltigen Nachwirkungen gespürt. Die frühere Blüte Annabergs war vollständig dahin. Armut und Not drückte die Bevölkerung. Die Zeiten des Bergsegens und bürgerlichen Glücks lagen wie ein Traum in ferner Vergangenheit.

-cj.-

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 
Nr. 3
v. 17. Januar 1932


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 125. Jahrgang, Nr. 3, 17. Januar 1932, S. 1

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