"Posamenten und Spitzen" im Erzgebirgsmuseum zu Annaberg. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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"Posamenten und Spitzen" im Erzgebirgsmuseum zu Annaberg.

Ein altes Gewölbe im Erdgeschoß des Museumsgebäudes — mutmaßlich die Aula der Eisenstuckschule — wurde jetzt als Ausstellungsraum eingerichtet und in altdeutscher Weise gemalt. Ein wundervoller Ofen, der früher im Gebäude der Superintendentur stand, eine künstlerische Arbeit Annaberger Töpfer, ziert das Zimmer.

Die bisher in 4 Abteilungen untergebrachten Posamenten und Spitzen sind nunmehr in einem Raume vereinigt und zeigen — ergänzt bis auf die Gegenwart — die Entwicklung der Posamenten- und Spitzenindustrie im Erzgebirge.

Eine reiche Sammlung erzgebirgischer Klöppelspitzen (Annaberg—Eibenstock—Schneeberg) ist zur Schau ausgelegt. Sehr kostbare alte Gebrauchsstücke enthalten die an der Wand aufgehängten Tafeln. Besonders hingewiesen sei auf eine geklöppelte leinerne Aermelkrause und Spitze, die einem in Annaberg vererbten Frauenkleide aus dem 17. Jahrhundert entnommen wurde. Ein Blonden-Schulterkragen, der nur ein Gewicht von 6 Gramm aufweist, zeigt uns die Tüllgrundklöppelei, hergestellt von einem Maurer um 1850 in 4 Winter Arbeit. Teile eines Brautkleides aus Unterwiesenthal vom Jahre 1840 (Blumen- und Streifenbesätze, Aermel und Kragen in Seide geklöppelt) und ein Linnentuch mit äußerst formenreicher Durchbruchkante sind gleichfalls ausgestellte Prachtsücke.

An Tischaufsätzen hängen übersichtlich zusammengestellte Mustertafeln mit Roßhaarspitzen (Stroh, Seide, Chenille, Perlen) der Firma Woldemar Wimmer. Sie zeigen eine abgestufte Reihe der hier besonders gepflegten Spitzenarten und geben so das Schema zu einer erzgebirgischen Spitzenkunde.

In besonderen Ausstellungsschränken sind Brautschäle, Klöppelkissen, Schirme mit Spitzenüberzügen und als besondere Sehenswürdigkeit ein von Frau Oberstleutnant Lentz in Elterlein gestiftetes gesticktes Tafeltuch mit reich ausgestatteter, kostbarer alter Klosterspitze zu sehen.

Wer würde nicht beim Anblick dieser Spitzen der Frau gedenken, die um 1550 die Klöppelkunst als Industriezweig hier heimisch machte und so viele Einwohner, die durch den niedergehenden Bergbau brotlos wurden, vor Not und Armut bewahrte. Zu ehrendem Gedenken schuf der einheimische Schnitzer Paul Schneider ihre Büste, ein Praktwerk der erzgebirgischen Holzschnitzkunst. Lebenswahr schaut Barbara Uttmann als Vertreterin einer vergangenen Zeit der Blüte der Spitzenindustrie auf die Besucher herab. Auch weisen das Modell zum Uttmann-Brunnen von Prof. Henze und das von Maler Leonhardt entworfene Familienwappen darauf hin.

Der große Ausstellungsschrank C. Aug. Gerischer, Annaberg, zeigt uns Ordensbänder, Stuhlborten und Trachtenbänder. Die Herstellung solcher Bänder war seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bis vor nicht allzu langer Zeit eine Spezialität der Annaberg-Buchholzer Posamentierzunft und bildete neben der Spitzenklöppelei die ursprüngliche Grundlage der Bedeutung von Annaberg und Buchholz als Industrie- und Handelsstädte.

Ein Posamentier- und ein Seidenwirkstuhl werden im Modell gezeigt. Auch reich verzierte Garnwinden und Haspeln von 1746, sowie ein Eisenstucksches Ellenmaß sind vorhanden. An den Wänden sind Bandmuster aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und Perlornamente für Kleiderbesätze aus dem Jahre 1885, alte Annaberger Nähposamenten: Briefarbeit und Schlinggorl, Posamenten aus Roßhaar und Stroh, Möbelposamenten und Chenillearbeiten ausgestellt.

In umgearbeiteten Ausstellungsschränken befinden sich Schaustücke erzgebirgischer Perlweberei und Perlstrickerei. Die zierlichen Beutel für Geld und Tabak, mit ansprechenden Blumenmustern verziert, sind durch die Hand gestrickt und über 100 Jahre alt. Die Schwierigkeit ihrer Herstellung beruhte weniger im Stricken selbst als vielmehr in der Vorbereitung dazu. Die erforderlichen Perlen mußten nach einem vorgezeichneten Musterblatte vorher mit äußerster Gewissenhaftigkeit auf den Strickfaden aufgereiht werden. Das Engelsbild nach Thorwaldsen ist ein Probestück kunstsinniger Perlweberei (1869) von Bruno Schneider in Buchholz, der diesen Zweig der Stuhlarbeit im Annaberger Industriegebiet eingeführt und vorbildlich weiter entwickelt hat. Muster der früher in aller Welt beliebten Damenperltaschen sind von den Posamentenfirmen Schneider und Brüheim Nachf. in Buchholz, sowie Seifert & Spindler und Schubert in Annaberg ausgestellt. So geben die von den vorgenannten Firmen gestifteten Diademe und Perlläufer, Posamenten, Knöpfe, erzgebirgische Perlarbeiten aller Art, Blumen, Ornamente, gehäkelte Deckchen, Uhrenarmbänder, Schnallen und Gürtel, Agraffen und Lampenfransen einen Ueberblick über Vergangenes und Gegenwärtiges.

Besonders erwähnenswert sind die im Kriegsjahre 1916 von der Fa. Seifert & Spindler hergestellten Perlbilder Hindenburgs und Kaiser Wilhelms. Fa. Ottomar Lötzsch zeigt in bunten Farben die Arten der in der Posamentenindustrie verwandten Perlen. — Die Firma Woldemar Wimmer als einzige Vertreterin der leonischen Industrie zeigt in einer Sonderausstellung ihre Gold- und Silbertressen, Fransen, Borten und Bänder. Vor allem weilt das Auge gern bei den Gold- und Silbergespinsten, bei den glitzernden Quasten, Halsketten und Kissenplatten. Ein goldener Blumenkorb ist ein Prachtstück in seiner Art. Die Achselstücke und Gradabzeichen der Reichswehr sind ebenfalls ausgestellt.

Ein Musterbuch mit geschichtlichen Nachrichten und gegen 3000 Musterabschnitten zeigt die Leistungsfähigkeit der um die Mitte des 19. Jahrhunderts hier blühenden Seidenwirkerei. Reich ausgestattete Musterbücher für Posamenten und Spitzen geben den Besuchern weitere Kenntnis von dieser Industrie.

Möge das Schmuckkästchen unseres Erzgebirgsmuseums, der neue Raum für "Posamenten und Spitzen", sich eines regen Besuches erfreuen.
(Photos: Otto Auerswald-Annaberg.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 15, 9. April 1933, S. 5

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